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Pydna Im Hunsrück: von Atomraketen zur Nature One
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← Mobilisierung durch Information  ·  Magisterarbeit  ·  Matthias Kagerbauer, 2008

1 Einleitung

Am 12. Dezember 1979 fassten die Außen- und Verteidigungsminister der NATO-Mitgliedsstaaten auf einer Sondersitzung in Brüssel den sogenannten NATO-Doppelbeschluss, in dem die „Nachrüstung“1 mit atomaren Mittelstreckenraketen in Europa festgelegt wurde. Der NATO-Doppelbeschluss hatte weitreichende Konsequenzen für die Bundesrepublik Deutschland: Insgesamt 108 Pershing II-Raketen und 96 Marschflugkörper sollten in der Bundesrepublik stationiert werden. Als Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluss formierte sich eine bundesweite Bewegung gegen die Nachrüstung, bald nur noch „Friedensbewegung“2 genannt, „die schnell zu einem der herausragenden Protestphänomene der alten Bundesrepublik Deutschland werden sollte“.3

Die Friedensbewegung war die bis dahin größte soziale Bewegung in der Geschichte der Bundesrepublik. Wie keiner antimilitaristischen Bewegung zuvor gelang es ihr, breite gesellschaftliche Resonanz im Kampf gegen Rüstung zu erzielen und große Menschenmassen dafür zu mobilisieren. Bundesbürger aus den verschiedensten sozialen Schichten und beruflichen Spektren beteiligten sich daran. Im Vergleich zu anderen NATO-Staaten, wo sich ebenfalls Protest gegen den Doppelbeschluss regte, war die Friedensbewegung in Westdeutschland „ungewöhnlich mannigfaltig, dezentralisiert und stark“.4

Eine Zäsur in der Geschichte der Friedensbewegung bedeutete die Zustimmung des Deutschen Bundestages zur Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen am 22. November 1983. Damit verlor die Bewegung ihre gemeinsame Zielsetzung, welche die äußerst verschiedenen Gruppen, Organisationen und Parteien zusammengehalten hatte. Ihren Endpunkt erreichte die Bewegung mit der Unterzeichnung des INF-Vertrags am 8. Dezember 1987, in dem sich die USA und die UdSSR über die Abrüstung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen in Europa innerhalb von drei Jahren verständigten. Der INF-Vertrag bildet daher zusammen mit dem NATO-Doppelbeschluss und dem durch den Stationierungsbeschluss bewirkten Einschnitt den zeitlichen Rahmen der vorliegenden Arbeit.

Besondere Relevanz erlangte der NATO-Doppelbeschluss für Rheinland-Pfalz, wo alle für die Bundesrepublik vorgesehenen Marschflugkörper stationiert werden sollten.5 Die einheimische Bevölkerung war seit Jahrhunderten an eine hohe Militärpräsenz gewöhnt und nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirtschaftlich stark von den amerikanischen Streitkräften als Arbeitgeber abhängig6 – dennoch konnte sich die Friedensbewegung auch in Rheinland-Pfalz etablieren. Vor allem im Hunsrück als der Region, in welcher die Marschflugkörper aufgestellt werden sollten, regte sich Protest gegen die Stationierung. Der überaus aktiven Hunsrücker Friedensinitiative gelang es nach und nach, die Mehrheit der dort ansässigen Bevölkerung für ihre Sache zu gewinnen und Hasselbach, den Stationierungsort der Marschflugkörper, auch über die regionalen Grenzen hinaus in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu bringen. Der Hunsrück wurde so zum Zentrum der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz, insbesondere im Hunsrück, im Vergleich zur Friedensbewegung auf Bundesebene darstellt. Dies wird anhand von drei Kriterien untersucht: dem strukturellen Aufbau, den beteiligten Gruppen und Organisationen sowie der zeitlichen Entwicklung.

Die Untersuchung gliedert sich in drei Hauptkapitel und verläuft von der bundesrepublikanischen Ebene hin zur regionalen: Zunächst wird die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland dargestellt, danach die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz und schließlich die Friedensbewegung im Hunsrück. Damit sollen die Struktur sowie die wichtigsten Gruppen und Akteure der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz bzw. im Hunsrück in den Kontext der Friedensbewegung auf Bundesebene gestellt werden, um Übereinstimmungen oder Unterschiede aufzuzeigen. Während das erste Hauptkapitel wegen der Komplexität des Themas nur die großen strukturellen Zusammenhänge, Spektren und groben zeitlichen Entwicklungen der Friedensbewegung auf Bundesebene behandeln kann, geht das zweite Hauptkapitel detaillierter auf die einzelnen Gruppen und Organisationen innerhalb der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz ein. Das dritte Hauptkapitel widmet sich schließlich den Gruppen und herausragenden Vertretern der Friedensbewegung im Hunsrück und zeichnet im einzelnen die Entwicklung der regionalen Friedensbewegung nach. Der gewählte Aufbau dient mithin einer sukzessiven thematischen Vertiefung.

Zu Beginn des ersten Hauptkapitels setzt sich die Arbeit mit der Friedensbewegung als (neuer) sozialer Bewegung auseinander (vgl. Kapitel 2.1). Es werden die sieben Kriterien für soziale Bewegungen nach der Definition der Soziologen Karl-Werner Brand, Detlef Büsser und Dieter Rucht aufgeführt,7 die im weiteren Verlauf des ersten Hauptkapitels auf die Friedensbewegung angewandt werden. Anschließend wird der NATO-Doppelbeschluss in seiner Funktion als auslösendes Ereignis für die Friedensbewegung im historischen Kontext der späten 1970er und frühen 1980er Jahre vorgestellt (vgl. Kapitel 2.2). Im folgenden wird die Struktur der Friedensbewegung auf Bundesebene erläutert, wobei vor allem auf das Werk Die professionelle Bewegung. Friedensbewegung von innen[8] des Politikwissenschaftlers Thomas Leif Bezug genommen wird. Dabei werden die drei wichtigsten Gremien der Friedensbewegung, und zwar die Aktionskonferenzen, der Koordinationsausschuss und die Geschäftsführung, und ihre Bedeutung für die Bewegung umrissen (vgl. Kapitel 2.3). Danach werden die politischen bzw. ideologischen Spektren, denen die unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb der Friedensbewegung zugeordnet werden können, erläutert. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem kommunistischen KOFAZ-Spektrum, das von der DKP angeführt und von der DDR und der UdSSR beeinflusst und unterstützt wurde (vgl. Kapitel 2.4). Im nächsten Unterkapitel wird die Entwicklung der Friedensbewegung unter Bezugnahme auf vorausgegangene antimilitaristische Bewegungen in der Bundesrepublik nachgezeichnet (vgl. Kapitel 2.5). Den Abschluss des ersten Hauptkapitels bildet die Vorstellung des INF-Vertrags als zeitlichem Endpunkt der Friedensbewegung (vgl. Kapitel 2.6).

Das zweite Hauptkapitel beginnt mit einer Beschreibung der militärischen und politischen Situation in Rheinland-Pfalz in den 1980er Jahren (vgl. Kapitel 3.1). Es werden die Rahmenbedingungen, welche die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz vorfand, kurz thematisiert, bevor im folgenden Unterkapitel die Entstehung und die Struktur der Friedensbewegung erklärt werden (vgl. Kapitel 3.2). Daran anschließend folgt eine ausführliche Vorstellung ihrer wichtigsten Gruppen und Organisationen. An dieser Stelle wird detailliert auf die Ziele und Mittel der Friedensaktivisten sowie auf Kontroversen zwischen den Gruppierungen eingegangen (vgl. Kapitel 3.3). Eine gesonderte Darstellung der zeitlichen Entwicklung des Protests in Rheinland-Pfalz wird nicht vorgenommen, sondern in die einzelnen Kapitel über die Gruppen und Organisationen integriert. Da sich der Hauptschauplatz der Friedensbewegung innerhalb von Rheinland-Pfalz im Hunsrück befand, werden im folgenden Hauptkapitel die zeitliche Entwicklung der Bewegung und die kontinuierliche Steigerung der Protestmittel untersucht.

Das Hauptkapitel über die Friedensbewegung im Hunsrück stellt zunächst die große militärische Präsenz im Hunsrück vor; im Mittelpunkt steht dabei der amerikanische Stützpunkt „Pydna“, der zur Stationierung der Marschflugkörper errichtet wurde (vgl. Kapitel 4.1). Danach geht es um die Entstehung und die Struktur der regionalen Friedenbewegung. Dabei werden die besonderen Merkmale der Bewegung im Hunsrück aufgezeigt (vgl. Kapitel 4.2). Eine Untersuchung der sechs wichtigsten Gruppierungen der Friedensbewegung im Hunsrück schließt sich an, in der ihre herausragenden Vertreter, deren Motivation zur Friedensarbeit, die Formen des Engagements sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen herausgearbeitet werden (vgl. Kapitel 4.3). Abschließend wird anhand eines Vier-Phasen-Modells, das der Politikwissenschaftler Josef Janning für die Friedensbewegung auf Bundesebene erstellt hat,9 die Entwicklung der Friedensbewegung im Hunsrück beschrieben (vgl. Kapitel 4.4).

Über das Thema der vorliegenden Arbeit existiert noch keine umfassende wissenschaftliche Abhandlung. Zur Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz gibt es bisher keine Darstellung; zur Friedensbewegung im Hunsrück liegt eine Seminararbeit, in der die Öffentlichkeitsarbeit der Hunsrücker Friedensinitiative behandelt wird, vor.10 Darüber hinaus wird die Friedensbewegung im Hunsrück in zwei Büchern thematisiert. Da diese jedoch entweder von Hunsrücker Friedensaktivisten verfasst wurden11 oder deren Ansichten und Erfahrungen wiedergeben,12 werden sie nicht wie Sekundärliteratur, sondern wie Quellen behandelt. Daher basieren die Kapitel über die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz und über die Friedensbewegung im Hunsrück vorwiegend auf Quellen.

Die Friedensbewegung bestand in Rheinland-Pfalz wie auf Bundesebene aus einer Vielzahl von Gruppen und Organisationen, weswegen auf zahlreiche Archive zurückgegriffen wurde, davon folgende in Mainz: das Archiv des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Rheinland-Pfalz, das Archiv von Pax Christi im Bistum Mainz, das Landesarchiv der Grünen Rheinland-Pfalz sowie das Archiv der Heinrich Böll Stiftung Rheinland-Pfalz. Hinzu kamen das Archiv der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) Mainz mit Sitz in Frankfurt/Main und das Landeshauptarchiv in Koblenz. Außerdem wurde auf das Bundesarchiv der Grünen in Berlin, das sogenannte Grüne Gedächtnis, zurückgegriffen, da die Grünen Rheinland-Pfalz einen Großteil ihres Landesarchivs dorthin verlagert haben. Die wichtigste Friedensorganisation der Evangelischen Kirche Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste bewahrt ihre Unterlagen im Evangelischen Zentralarchiv (EZA) in Berlin auf; das EZA wurde deshalb ebenfalls aufgesucht. Zur Darstellung der Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) in Trier als Beispiel für die in Rheinland-Pfalz wichtige „Graswurzelbewegung“13 wurde das Privatarchiv des AGF-Mitbegründers Thomas Zuche in Trier genutzt.

Das vorhandene Quellenmaterial zur Friedensbewegung im Hunsrück ist nicht zentral an einem Ort gelagert, wie es für die Aktivitäten der Friedensbewegung am Pershing II-Stationierungsort Mutlangen der Fall ist.14 Neben den zwei bereits erwähnten Büchern wurden bei der Untersuchung der Friedensbewegung im Hunsrück daher die Privatarchive der Hunsrücker Friedensaktivisten August Dahl, Gerhard Lorenz und Reinhard Sczech verwendet. Besonders das Privatarchiv von Reinhard Sczech bot eine Fülle an Quellenmaterial; hier fanden sich neben zahlreichen Schriftdokumenten auch drei Fernsehbeiträge öffentlich-rechtlicher Fernsehanstalten aus den 1980er Jahren über die Friedensbewegung im Hunsrück.15 Eine weitere Quelle bildete die Ausstellung „Tradition der Hunsrücker Ostermärsche“ im Haus der regionalen Geschichte Kastellaun, die aus Material von Hunsrücker Friedensaktivisten zusammengestellt wurde.

Für die vorliegende Arbeit wurden führende Vertreter und Zeitzeugen der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz befragt. Die meisten Interviewpartner stammen aus der Hunsrücker Friedensbewegung, da diese am eingehendsten untersucht wird. Die Verwendung solcher Befragungen ist bei umfassenden Arbeiten zur Friedensbewegung ein gängiges Mittel und stellt „eine unverzichtbare Ergänzung der schriftlichen Zeugnisse dar“.16 Auch der Historiker Udo Baron und der Politikwissenschaftler Thomas Leif nutzen in ihren Untersuchungen Zeitzeugeninterviews, um einen Einblick in das Innenleben der Bewegung zu erhalten.17

Die für die vorliegende Arbeit geführten Interviews wurden nach einer einheitlichen Struktur aufgebaut. Zunächst wurde der Zeitzeuge mit einer allgemeinen Fragestellung, wie es vom Historiker und Biographieforscher Alexander von Plato empfohlen wird,18 zur Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz bzw. im Hunsrück zum freien Erzählen seiner Geschichte angeregt. In einem zweiten Schritt standen das Engagement und die Rolle bzw. Bedeutung der Gruppe, welcher der jeweilige Zeitzeuge angehörte, innerhalb der Bewegung im Vordergrund. In diesem Zusammenhang wurden auch das Verhältnis der Gruppe zum KOFAZ-Spektrum und eine eventuelle kommunistische Einflussnahme thematisiert. Der dritte Teil des Interviews diente der Klärung der persönlichen Beweggründe für die Mitarbeit in der Friedensbewegung und die Art des Engagements.

Der Verfasser der vorliegenden Arbeit ist sich der Problematik, die sich im Zusammenhang mit Zeitzeugenbefragungen und „Oral History“ in der Geschichtswissenschaft ergibt, bewusst.19 Daher gingen jedem Interview eingehende Vorbereitungen und Recherchen über den betreffenden Zeitzeugen und die Gruppe, der er angehörte, voraus, um gezielt nachfragen und eventuelle Darstellungsfehler ansprechen zu können. Zeitzeugeninterviews über die Friedensbewegung sind im Vergleich zu anderen historischen Themen wie der NS-Diktatur oder dem SED-Regime, bei denen ebenfalls das Mittel der Zeitzeugenbefragung angewandt wird, in zwei Punkten weniger problematisch: Erstens liegen die Ereignisse noch nicht so lange zurück, so dass sie zumeist noch gut rekonstruierbar sind; trotzdem führt auch hier der zeitliche Abstand unweigerlich zu Lücken in der Erinnerung, weswegen für die Darstellung historischer Daten und Fakten schriftliche Dokumente herangezogen wurden. Zweitens verbinden die Zeitzeugen mit den Geschehnissen keine traumatischen Erlebnisse, die zu einer Verfälschung des Berichts beitragen könnten. Dennoch wurde immer versucht, die Zeitzeugenaussagen mit schriftlichen Quellen abzugleichen. Wo das nicht möglich war, wurde es im Text deutlich gemacht.

Das erste Hauptkapitel über die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland wurde hauptsächlich auf der Basis von Sekundärliteratur verfasst. Publikationen zur Friedensbewegung in der Bundesrepublik sind zahlreich vorhanden; die zeitliche Abfolge der Veröffentlichungen lässt sich in drei Phasen einteilen: Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten kamen bereits kurz nach dem Entstehen der Bewegung heraus.20 Sie beschäftigten sich zumeist mit der Friedensbewegung als neuem politischen und gesellschaftlichen Phänomen. Weitere Untersuchungen wurden im Verlauf der 1980er Jahre veröffentlicht; in dieser Phase war die Auseinandersetzung mit der Friedensbewegung breiter angelegt; ihre Strukturen und zunehmend die Rolle des kommunistischen Spektrums wurden thematisiert.21 Nach dem Ende des Kalten Krieges folgte die dritte Phase der Auseinandersetzung mit der Friedensbewegung:22 Aufgrund der nun verfügbaren Akten der SED und des MfS war es möglich, neue Erkenntnisse über Beeinflussungsversuche von Seiten der DDR und der UdSSR zu gewinnen.

Obwohl in der einschlägigen Fachliteratur als herausragende Charakteristika der Friedensbewegung in der Bundesrepublik immer wieder Dezentralisierung und Regionalisierung genannt werden,23 fand bisher keine eingehende Beschäftigung mit den regionalen Friedensbewegungen statt. In der Regel erfolgte eine Auseinandersetzung mit der Friedensbewegung als bundesweiter Protestbewegung, oft im Vergleich zur Friedensbewegung in der DDR, anderen Ländern Europas und den USA.24 Aufgrund ihrer Heterogenität bot die Friedensbewegung zahlreiche Ansätze für eine wissenschaftliche Bearbeitung, weshalb es schwierig ist, mehrere Werke unter thematischen Oberbegriffen zusammen zu fassen. Auffällig ist, dass gerade in den 1980er Jahren Publikationen erschienen, die in der öffentlichen Diskussion um die Friedensbewegung eindeutig Partei ergriffen.25 Zwei große Themenfelder lassen sich dennoch erkennen: Zum einen die soziologisch-politische Einordnung der Friedensbewegung im Rahmen der Forschung zu den „neuen sozialen Bewegungen“;26 zum anderen die Beschäftigung mit der kommunistischen Einflussnahme auf die Bewegung.27

Zur Darstellung der Aufmerksamkeit, die die Friedensbewegung in der Öffentlichkeit fand, wurden für die vorliegende Untersuchung Zeitschriften und Zeitungen als Quellen herangezogen. Zudem übten gerade im Falle der Friedensbewegung im Hunsrück Berichte aus den Printmedien erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Bewegung aus.28 Daher fand eine systematische Auswertung der wöchentlich erscheinenden Zeitschriften „Spiegel“ und „Stern“, der Wochenzeitung „Zeit“, der überregionalen Tageszeitungen „Bild“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Tageszeitung“ sowie der regionalen Tageszeitungen „Allgemeine Zeitung Mainz“, „Hunsrücker Zeitung“ und „Rhein-Zeitung Koblenz“ statt.29 Diese Zeitschriften und Zeitungen wurden ausgewählt, um eine Übersicht über die Berichterstattung zur Friedensbewegung aus den verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Spektren zu erhalten. Außerdem fanden zwei Publikationen aus dem Umfeld der Friedensbewegung, die vierteljährlich erscheinende Friedenszeitung „Hunsrück-Forum“30 und der „Grüne Rheinland/Pfälzer“, die zumeist monatlich veröffentlichte Landeszeitung der Grünen in Rheinland-Pfalz,31 Berücksichtigung. Hinzu kamen Drucksachen des Landtags Rheinland-Pfalz, Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts sowie Publikationen des Bundesinnenministeriums und des Verteidigungsministeriums.

Anmerkungen

  1. Der im Auswärtigen Amt geschaffene Begriff „Nachrüstung“ wurde zum offiziellen Sprachgebrauch für die Modernisierung der amerikanischen Mittelstreckensysteme in Europa (vgl Schleker, 24). Der Begriff sollte ausdrücken, dass die Stationierung von Pershing II-Raketen und Marschflugkörpern als Reaktion auf die sowjetische Aufstellung von Mittelstreckenraketen des Typs SS-20 erfolgte, um das strategische Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Im „Krefelder Appell“, der den sogenannten „Minimalkonsens“ der Friedensbewegung darstellte (vgl. Kapitel 2.3 und 2.4), wurde im Zusammenhang mit dem NATO-Doppelbeschluss nicht von „Nachrüstung“, sondern von „Aufrüstung“ gesprochen (vgl. Linn, DKP, 14). In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Nachrüstung“ verwendet und in der Folge ohne Anführungszeichen geschrieben, da er sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat.
  2. Den Namen „Friedensbewegung“ gab sich die Bewegung selbst und drückte damit ihr Selbstverständnis als Bewegung, die sich für den Frieden einsetzte und nicht lediglich Protest gegen die Nachrüstung übte, aus (vgl. Janning, 39). Dennoch bildete die Ablehnung der Nachrüstung eine der wenigen Konstanten der in ihrer Zusammensetzung und Programmatik heterogenen Bewegung, weswegen die Namensgebung von Seiten ihrer Kritiker in Frage gestellt wurde (vgl. Linn, Friedensbewegung, 132). Da sich der Begriff „Friedensbewegung“ aber in der Öffentlichkeit etablierte und letztlich auch von den Kritikern der Bewegung benutzt wurde, wird er in der vorliegenden Arbeit ohne Anführungszeichen verwendet.
  3. Baron, Kalter Krieg, 1.
  4. Wittner, 144. Der amerikanische Historiker Lawrence S. Wittner bezeichnet die westdeutsche Friedensbewegung im englischen Originalzitat als „an unusually diverse, decentralized, and powerful movement“. Wittner zeichnet in seinem dreibändigen Werk The Struggle Against the Bomb die Geschichte der weltweiten Anti-Atomwaffen-Bewegung von 1953 bis 2002 nach. Für die vorliegende Untersuchung wird der dritte Band des Werkes verwendet (vgl. Lawrence S. Wittner: The Struggle Against the Bomb. Volume Three. Toward Nuclear Abolition: A History of the World Nuclear Disarmament Movement, 1971 to the Present. Stanford 2003.)
  5. Geplant war die Stationierung von 96 Marschflugkörpern; diese Zahl wurde aber nie erreicht (vgl. Kapitel 4.1).
  6. Ausführlich dazu vgl. Kapitel 3.2 und Kapitel 4.2.
  7. Vgl. Brand/Büsser/Rucht, 35 ff.
  8. Vgl. Janning, 43 – 46.
  9. Die Seminararbeit von Robert Gold „Wie gelang es der Friedensbewegung im Hunsrück, Öffentlichkeit für ihre Belange herzustellen? Mobilisierung durch Information“ von 2001 findet man online im Internet (www.pydna.de/Analysen/OttoGold.htm, Stand: 23.09.2008).
  10. Vgl. Uwe Anhäuser u.a. (Hrsg.): Militärheimat Hunsrück. Mit einem Vorwort von Alfred Mechtersheimer. Neckarsulm 1986.
  11. Vgl. Sabine Stange: Kriegsvorbereitung im Hunsrück. Der Einfluß der Raketenstationierung auf den Alltag der Menschen. Mit einem Vorwort von Robert Jungk. Essen ²1986.
  12. Vgl. Kapitel 3.3.2.
  13. In Mutlangen existierte eine eigens eingerichtete „Pressehütte“, die Journalisten mit Informationen über die Friedensbewegung versorgte. Der Bestand der „Pressehütte“ ist im „Gemeinsamen Mutlangen Archiv“ im Archiv Aktiv in Hamburg gelagert (siehe dazu www.archiv-aktiv.de/thema4_3.htm, Stand: 22.09.2008).
  14. Vgl. Privatarchiv Reinhard Sczech, ARD-Sendung „Report“, „Schabbach wehrt sich gegen Raketen“, SWF 1984; ARD-Sendung „Monitor“, Bericht von Gabriele Krone-Schmalz und Udo Frank, WDR 1985; ZDF-Sendung „die reportage“, Bericht von Monika Hoffmann, „Wenn die Raketen kommen… Wie die Menschen im Hunsrück die Nachrüstung erleben“, ZDF 1986.
  15. Baron, Kalter Krieg, 15.
  16. Vgl. Udo Baron: Kalter Krieg und heißer Frieden. Der Einfluss der SED und ihrer westdeutschen Verbündeten auf die Partei „Die Grünen“. Münster 2003 (Diktatur und Widerstand Bd. 3); Thomas Leif: Die strategische (Ohn-) Macht der Friedensbewegung. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen in den achtziger Jahren. Opladen 1990.
  17. Vgl. Plato, 21 ff.
  18. Vgl. dazu Alexander von Plato: Zeitzeugen und die historische Zunft. Erinnerung, kommunikative Tradierung und kollektives Gedächtnis in der qualitativen Geschichtswissenschaft – ein Problemaufriss: In BIOS, Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 13 (2000), 5 – 29.
  19. Vgl. Ulrich Albrecht: Kündigt den Nachrüstungsbeschluß! Argumente für die Friedensbewegung. Mit e. Vorw. von Oskar Lafontaine. Frankfurt am Main 1982; Hans A. Pestalozzi (Hrsg.): Frieden in Deutschland. Die Friedensbewegung. Wie sie wurde, was sie ist, was sie werden kann. München 1982; Günther Schmid: Sicherheitspolitik und Friedensbewegung. Der Konflikt um die „Nachrüstung“. München 1982 (für die vorliegende Arbeit wurde die 3. gegenüber der 2. unveränderte Auflage von 1983 benutzt); Reiner Steinweg: Die neue Friedensbewegung . Analysen aus der Friedensforschung. Frankfurt am Main 1982; Gerhard Wettig: Die Friedensbewegung der beginnenden 80er Jahre. Köln 1982.
  20. Vgl. Wilfried von Bredow/Rudolf Horst Brocke: Krise und Protest. Ursprünge und Elemente der Friedensbewegung in Westeuropa. Opladen 1987; Josef Janning/Hans-Josef Legrand/Helmut Zander (Hrsg.): Friedensbewegungen. Entwicklung und Folgen in der Bundesrepublik Deutschland, Europa und den USA. Köln 1987; Lorenz Knorr: Geschichte der Friedensbewegung in der Bundesrepublik. Köln 1983; Gottfried Linn: Die Kampagne gegen die NATO-Nachrüstung. Zur Rolle der DKP. Bonn 1983 (Demokratische Verantwortung Bd. 6); Frank S. Rödiger: Frieden – um welchen Preis? Strömungen und Argumente der Friedensbewegung. Bonn 1985 (Demokratische Verantwortung Bd. 7/8); Günther Wagenlehner (Hrsg.): Die Kampagne gegen den NATO-Doppelbeschluß. Eine Bilanz. Koblenz 1985; Ulrike C. Wasmuht: Friedensbewegungen der 80er Jahre. Zur Analyse ihrer strukturellen und aktuellen Entstehungsbedingungen in der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika nach 1945: Ein Vergleich. Giessen 1987.
  21. Vgl. Udo Baron: Kalter Krieg und heißer Frieden. Der Einfluss der SED und ihrer westdeutschen Verbündeten auf die Partei „Die Grünen“. Münster 2003 (Diktatur und Widerstand Bd. 3); Alice Holmes Cooper: Paradoxes of Peace. German Peace Movements Since 1945. Ann Arbor 1996; Thomas Leif: Die strategische (Ohn-) Macht der Friedensbewegung: Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen in den achtziger Jahren. Opladen 1990; Jürgen Maruhn/Manfred Wilke(Hrsg.): Raketenpoker um Europa. Das sowjetische SS 20-Abenteuer und die Friedensbewegung. München 2001; Michael Ploetz/ Hans-Peter Müller: Ferngelenkte Friedensbewegung? DDR und UdSSR im Kampf gegen den NATO-Doppelbeschluß. Münster 2004 (Diktatur und Widerstand Bd. 6); Rüdiger Schmitt: Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Ursachen und Bedingungen der Mobilisierung einer neuen sozialen Bewegung. Opladen 1990.
  22. Vgl. beispielsweise Schmid, Friedensbewegung, 10; Cooper, Friedensbewegung, 77; Wittner, 144.
  23. Vgl. Wilfried von Bredow/Rudolf Horst Brocke: Krise und Protest. Ursprünge und Elemente der Friedensbewegung in Westeuropa. Opladen 1987; Josef Janning/Hans-Josef Legrand/Helmut Zander (Hrsg.): Friedensbewegungen. Entwicklung und Folgen in der Bundesrepublik Deutschland, Europa und den USA. Köln 1987; Günther Wagenlehner (Hrsg.): Die Kampagne gegen den NATO-Doppelbeschluß. Eine Bilanz. Koblenz 1985; Ulrike C. Wasmuht: Friedensbewegungen der 80er Jahre. Zur Analyse ihrer strukturellen und aktuellen Entstehungsbedingungen in der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika nach 1945: Ein Vergleich. Giessen 1987.
  24. Vgl. Ulrich Albrecht: Kündigt den Nachrüstungsbeschluß! Argumente für die Friedensbewegung. Mit e. Vorw. von Oskar Lafontaine. Frankfurt am Main 1982; Hans A. Pestalozzi (Hrsg.): Frieden in Deutschland. Die Friedensbewegung. Wie sie wurde, was sie ist, was sie werden kann. München 1982; Gottfried Linn: Die Kampagne gegen die NATO-Nachrüstung. Zur Rolle der DKP. Bonn 1983 (Demokratische Verantwortung Bd. 6); Günther Wagenlehner (Hrsg.): Die Kampagne gegen den NATO-Doppelbeschluß. Eine Bilanz. Koblenz 1985.
  25. Vgl. Karl Werner Brand (Hrsg.): Neue soziale Bewegungen in Westeuropa und den USA. Ein internationaler Vergleich. Frankfurt/Main, New York 1985; Karl-Werner Brand/Detlef Büsser/ Dieter Rucht: Aufbruch in eine andere Gesellschaft. Neue Soziale Bewegungen in der Bundesrepublik. Aktualisierte Neuausgabe. Frankfurt/Main, New York 1986; Rüdiger Schmitt: Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Ursachen und Bedingungen der Mobilisierung einer neuen sozialen Bewegung. Opladen 1990.
  26. Vgl. Udo Baron: Kalter Krieg und heißer Frieden. Der Einfluss der SED und ihrer westdeutschen Verbündeten auf die Partei „Die Grünen“. Münster 2003 (Diktatur und Widerstand Bd. 3); Gottfried Linn: Die Kampagne gegen die NATO-Nachrüstung. Zur Rolle der DKP. Bonn 1983; Jürgen Maruhn/Manfred Wilke(Hrsg.): Raketenpoker um Europa. Das sowjetische SS 20-Abenteuer und die Friedensbewegung. München 2001; Michael Ploetz/ Hans-Peter Müller: Ferngelenkte Friedensbewegung? DDR und UdSSR im Kampf gegen den NATO-Doppelbeschluß. Münster 2004 (Diktatur und Widerstand Bd. 6).
  27. Beispielsweise der Stern-Artikel vom 02.12.1982, in dem der Hunsrück erstmals als Stationierungsgebiet der Marschflugkörper genannt wurde (vgl. Kapitel 4.4.1) oder die Berichterstattung in der Hunsrücker Zeitung über die regionale Friedensbewegung, auf die Hunsrücker Friedensaktivisten mit einer eigenen Publikation, dem Hunsrück-Forum, reagierten (vgl. Kapitel 4.3.4).
  28. Die genannten Zeitschriften und Zeitungen wurden anhand von Schlagwörtern (z.B. Koordinationsausschuss, Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz, Friedensbewegung im Hunsrück, Arbeitsgemeinschaft Frieden Trier) bzw. anhand von wichtigen Daten (z.B. der Großdemonstration der Friedensbewegung in Hasselbach/Hunsrück am 11.10.1986) untersucht.
  29. Die Jahrgänge 1983 bis 1987 des Hunsrück-Forums lagen als Leihgabe Reinhard Sczechs komplett, die Jahrgänge von 1987 bis 1995 nur teilweise vor. Die ersten sieben Ausgaben sind mittlerweile im Internet verfügbar (www.hunsrueck-forum.de/Hunsrueck-Archiv.etc, Stand: 24.09.2008).
  30. Die Jahrgänge 1983 bis 1987 des Grünen/Rheinland-Pfälzers lagen als Schenkung des Grünen Gedächtnisses komplett vor.