2 Die Friedensbewegung in der
Bundesrepublik Deutschland
2.1 Die Friedensbewegung als (neue) soziale
Bewegung
2.2 Der NATO-Doppelbeschluss von Dezember 1979
als Auslöser für die Friedensbewegung
2.3 Die Struktur der Friedensbewegung
2.4 Die Spektren der Friedensbewegung
2.5 Die Entwicklung der Friedensbewegung
2.6 Der INF-Vertrag von Dezember 1987 als
Endpunkt der Friedensbewegung
3 Die Friedensbewegung in
Rheinland-Pfalz
3.1 Die militärische und politische Situation in
Rheinland-Pfalz
3.2 Entstehung und Struktur der Friedensbewegung
3.3 Die wichtigsten Gruppen und Organisationen
der Friedensbewegung
3.3.2 Die „Graswurzelbewegung“ am Beispiel der Arbeitsgemeinschaft
Frieden (AGF) in Trier
4 Die Friedensbewegung im Hunsrück
4.1 Militärische Präsenz im Hunsrück
4.2 Entstehung und Struktur der Friedensbewegung
4.3 Die wichtigsten Gruppen und Vertreter der
Friedensbewegung
4.3.3 Der Verein für friedenspolitische und
demokratische Bildung Rhein-Hunsrück-Mosel e.V.
4.3.5 Von Gruppen unabhängiges Engagement aus der
Hunsrücker Bevölkerung
4.3.6 Auswärtige Friedensaktivisten im Hunsrück
4.4 Die Entwicklung der Friedensbewegung
Quellen- und Literaturverzeichnis
1 EinleitungAm 12. Dezember 1979 fassten die Außen- und Verteidigungsminister der NATO-Mitgliedsstaaten auf einer Sondersitzung in Brüssel den sogenannten NATO-Doppelbeschluss, in dem die „Nachrüstung“[1] mit atomaren Mittelstreckenraketen in Europa festgelegt wurde. Der NATO-Doppelbeschluss hatte weitreichende Konsequenzen für die Bundesrepublik Deutschland: Insgesamt 108 Pershing II-Raketen und 96 Marschflugkörper sollten in der Bundesrepublik stationiert werden. Als Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluss formierte sich eine bundesweite Bewegung gegen die Nachrüstung, bald nur noch „Friedensbewegung“ genannt, „die schnell zu einem der herausragenden Protestphänomene der alten Bundesrepublik Deutschland werden sollte“.[3] Die Friedensbewegung war die bis dahin größte soziale Bewegung in der Geschichte der Bundesrepublik. Wie keiner antimilitaristischen Bewegung zuvor gelang es ihr, breite gesellschaftliche Resonanz im Kampf gegen Rüstung zu erzielen und große Menschenmassen dafür zu mobilisieren. Bundesbürger aus den verschiedensten sozialen Schichten und beruflichen Spektren beteiligten sich daran. Im Vergleich zu anderen NATO-Staaten, wo sich ebenfalls Protest gegen den Doppelbeschluss regte, war die Friedensbewegung in Westdeutschland „ungewöhnlich mannigfaltig, dezentralisiert und stark“.[4] Eine Zäsur in der Geschichte der Friedensbewegung bedeutete die Zustimmung des Deutschen Bundestages zur Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen am 22. November 1983. Damit verlor die Bewegung ihre gemeinsame Zielsetzung, welche die äußerst verschiedenen Gruppen, Organisationen und Parteien zusammengehalten hatte. Ihren Endpunkt erreichte die Bewegung mit der Unterzeichnung des INF-Vertrags am 8. Dezember 1987, in dem sich die USA und die UdSSR über die Abrüstung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen in Europa innerhalb von drei Jahren verständigten. Der INF-Vertrag bildet daher zusammen mit dem NATO-Doppelbeschluss und dem durch den Stationierungsbeschluss bewirkten Einschnitt den zeitlichen Rahmen der vorliegenden Arbeit. Besondere Relevanz erlangte der NATO-Doppelbeschluss für Rheinland-Pfalz, wo alle für die Bundesrepublik vorgesehenen Marschflugkörper stationiert werden sollten.[5] Die einheimische Bevölkerung war seit Jahrhunderten an eine hohe Militärpräsenz gewöhnt und nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirtschaftlich stark von den amerikanischen Streitkräften als Arbeitgeber abhängig[6] – dennoch konnte sich die Friedensbewegung auch in Rheinland-Pfalz etablieren. Vor allem im Hunsrück als der Region, in welcher die Marschflugkörper aufgestellt werden sollten, regte sich Protest gegen die Stationierung. Der überaus aktiven Hunsrücker Friedensinitiative gelang es nach und nach, die Mehrheit der dort ansässigen Bevölkerung für ihre Sache zu gewinnen und Hasselbach, den Stationierungsort der Marschflugkörper, auch über die regionalen Grenzen hinaus in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu bringen. Der Hunsrück wurde so zum Zentrum der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz, insbesondere im Hunsrück, im Vergleich zur Friedensbewegung auf Bundesebene darstellt. Dies wird anhand von drei Kriterien untersucht: dem strukturellen Aufbau, den beteiligten Gruppen und Organisationen sowie der zeitlichen Entwicklung. Die Untersuchung gliedert sich in drei Hauptkapitel und
verläuft von der bundesrepublikanischen Ebene hin zur regionalen: Zunächst wird
die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland dargestellt, danach die
Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz und schließlich die Friedensbewegung im
Hunsrück. Damit sollen die Struktur sowie die wichtigsten Gruppen und Akteure
der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz bzw. im Hunsrück in den Kontext der
Friedensbewegung auf Bundesebene gestellt werden, um Übereinstimmungen oder
Unterschiede aufzuzeigen. Während das erste Hauptkapitel wegen der Komplexität
des Themas nur die großen strukturellen Zusammenhänge, Spektren und groben
zeitlichen Entwicklungen der Friedensbewegung auf Bundesebene behandeln kann,
geht das zweite Hauptkapitel detaillierter auf die einzelnen Gruppen und
Organisationen innerhalb der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz ein. Das
dritte Hauptkapitel widmet sich schließlich den Gruppen und herausragenden
Vertretern der Friedensbewegung im Hunsrück und zeichnet im einzelnen die
Entwicklung der regionalen Friedensbewegung nach. Der gewählte Aufbau dient
mithin einer sukzessiven thematischen Vertiefung. Zu Beginn des ersten Hauptkapitels setzt sich die Arbeit
mit der Friedensbewegung als (neuer) sozialer Bewegung auseinander (vgl.
Kapitel 2.1). Es werden die sieben Kriterien für soziale Bewegungen nach der
Definition der Soziologen Karl-Werner Brand, Detlef Büsser und Dieter Rucht
aufgeführt,[7] die im weiteren Verlauf
des ersten Hauptkapitels auf die Friedensbewegung angewandt werden.
Anschließend wird der NATO-Doppelbeschluss in seiner Funktion als auslösendes
Ereignis für die Friedensbewegung im historischen Kontext der späten 1970er und
frühen 1980er Jahre vorgestellt (vgl. Kapitel 2.2). Im folgenden wird die
Struktur der Friedensbewegung auf Bundesebene erläutert, wobei vor allem auf
das Werk Die professionelle Bewegung.
Friedensbewegung von innen[8] des Politikwissenschaftlers Thomas Leif
Bezug genommen wird. Dabei werden die drei wichtigsten Gremien der
Friedensbewegung, und zwar die Aktionskonferenzen, der Koordinationsausschuss
und die Geschäftsführung, und ihre Bedeutung für die Bewegung umrissen (vgl.
Kapitel 2.3). Danach werden die politischen bzw. ideologischen Spektren, denen
die unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb der Friedensbewegung zugeordnet
werden können, erläutert. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem
kommunistischen KOFAZ-Spektrum, das von der DKP angeführt und von der DDR und
der UdSSR beeinflusst und unterstützt wurde (vgl. Kapitel 2.4). Im nächsten
Unterkapitel wird die Entwicklung der Friedensbewegung unter Bezugnahme auf vorausgegangene
antimilitaristische Bewegungen in der Bundesrepublik nachgezeichnet (vgl.
Kapitel 2.5). Den Abschluss des ersten Hauptkapitels bildet die Vorstellung des
INF-Vertrags als zeitlichem Endpunkt der Friedensbewegung (vgl. Kapitel 2.6). Das zweite Hauptkapitel beginnt mit einer Beschreibung der
militärischen und politischen Situation in Rheinland-Pfalz in den 1980er Jahren
(vgl. Kapitel 3.1). Es werden die Rahmenbedingungen, welche die
Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz vorfand, kurz thematisiert, bevor im
folgenden Unterkapitel die Entstehung und die Struktur der Friedensbewegung
erklärt werden (vgl. Kapitel 3.2). Daran anschließend folgt eine ausführliche
Vorstellung ihrer wichtigsten Gruppen und Organisationen. An dieser Stelle wird
detailliert auf die Ziele und Mittel der Friedensaktivisten sowie auf
Kontroversen zwischen den Gruppierungen eingegangen (vgl. Kapitel 3.3). Eine
gesonderte Darstellung der zeitlichen Entwicklung des Protests in
Rheinland-Pfalz wird nicht vorgenommen, sondern in die einzelnen Kapitel über
die Gruppen und Organisationen integriert. Da sich der Hauptschauplatz der
Friedensbewegung innerhalb von Rheinland-Pfalz im Hunsrück befand, werden im
folgenden Hauptkapitel die zeitliche Entwicklung der Bewegung und die
kontinuierliche Steigerung der Protestmittel untersucht. Das Hauptkapitel über die Friedensbewegung im Hunsrück
stellt zunächst die große militärische Präsenz im Hunsrück vor; im Mittelpunkt
steht dabei der amerikanische Stützpunkt „Pydna“, der zur Stationierung der Marschflugkörper errichtet wurde (vgl.
Kapitel 4.1). Danach geht es um die Entstehung und die Struktur der regionalen
Friedenbewegung. Dabei werden die besonderen Merkmale der Bewegung im Hunsrück
aufgezeigt (vgl. Kapitel 4.2). Eine Untersuchung der sechs wichtigsten
Gruppierungen der Friedensbewegung im Hunsrück schließt sich an, in der ihre
herausragenden Vertreter, deren Motivation zur Friedensarbeit, die Formen des
Engagements sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen herausgearbeitet werden (vgl. Kapitel 4.3).
Abschließend wird anhand eines Vier-Phasen-Modells, das der
Politikwissenschaftler Josef Janning für die Friedensbewegung auf
Bundesebene erstellt hat,[9] die
Entwicklung der Friedensbewegung im Hunsrück beschrieben (vgl. Kapitel 4.4). Über das Thema der vorliegenden Arbeit existiert noch
keine umfassende wissenschaftliche Abhandlung. Zur Friedensbewegung in
Rheinland-Pfalz gibt es bisher keine Darstellung; zur Friedensbewegung im
Hunsrück liegt eine Seminararbeit, in der die Öffentlichkeitsarbeit der
Hunsrücker Friedensinitiative behandelt wird, vor.[10]
Darüber hinaus wird die Friedensbewegung im Hunsrück in zwei Büchern
thematisiert. Da diese jedoch entweder von Hunsrücker Friedensaktivisten
verfasst wurden[11] oder deren Ansichten und
Erfahrungen wiedergeben,[12]
werden sie nicht wie Sekundärliteratur, sondern wie Quellen behandelt. Daher
basieren die Kapitel über die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz und über die
Friedensbewegung im Hunsrück vorwiegend auf Quellen. Die Friedensbewegung bestand in Rheinland-Pfalz wie auf
Bundesebene aus einer Vielzahl von Gruppen und Organisationen, weswegen auf
zahlreiche Archive zurückgegriffen wurde, davon folgende in Mainz: das Archiv
des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Rheinland-Pfalz, das Archiv von Pax Christi
im Bistum Mainz, das Landesarchiv der Grünen Rheinland-Pfalz sowie das Archiv
der Heinrich Böll Stiftung Rheinland-Pfalz. Hinzu kamen das Archiv der
Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) Mainz
mit Sitz in Frankfurt/Main und das Landeshauptarchiv in Koblenz. Außerdem wurde
auf das Bundesarchiv der Grünen in Berlin, das sogenannte Grüne Gedächtnis,
zurückgegriffen, da die Grünen Rheinland-Pfalz einen Großteil ihres
Landesarchivs dorthin verlagert haben. Die wichtigste Friedensorganisation der
Evangelischen Kirche Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste bewahrt ihre
Unterlagen im Evangelischen
Zentralarchiv (EZA) in Berlin auf; das EZA wurde deshalb ebenfalls aufgesucht.
Zur Darstellung der Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) in Trier als Beispiel für
die in Rheinland-Pfalz wichtige „Graswurzelbewegung“[13]
wurde das Privatarchiv des AGF-Mitbegründers Thomas Zuche in Trier genutzt. Das vorhandene Quellenmaterial zur Friedensbewegung im
Hunsrück ist nicht zentral an einem Ort gelagert, wie es für die Aktivitäten
der Friedensbewegung am Pershing II-Stationierungsort Mutlangen der Fall ist.[14]
Neben den zwei bereits erwähnten Büchern wurden bei der Untersuchung der
Friedensbewegung im Hunsrück daher die Privatarchive der Hunsrücker Friedensaktivisten
August Dahl, Gerhard Lorenz und Reinhard Sczech verwendet. Besonders das
Privatarchiv von Reinhard Sczech bot eine Fülle an Quellenmaterial; hier fanden
sich neben zahlreichen Schriftdokumenten auch drei Fernsehbeiträge
öffentlich-rechtlicher Fernsehanstalten aus den 1980er Jahren über die
Friedensbewegung im Hunsrück.[15] Eine
weitere Quelle bildete die Ausstellung „Tradition der Hunsrücker Ostermärsche“
im Haus der regionalen Geschichte Kastellaun, die aus Material von Hunsrücker
Friedensaktivisten zusammengestellt wurde. Für die vorliegende Arbeit wurden führende Vertreter und
Zeitzeugen der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz befragt. Die meisten
Interviewpartner stammen aus der Hunsrücker Friedensbewegung, da diese am
eingehendsten untersucht wird. Die Verwendung solcher Befragungen ist bei
umfassenden Arbeiten zur Friedensbewegung ein gängiges Mittel und stellt „eine
unverzichtbare Ergänzung der schriftlichen Zeugnisse dar“.[16] Auch
der Historiker Udo Baron und der Politikwissenschaftler Thomas Leif nutzen in
ihren Untersuchungen Zeitzeugeninterviews, um einen Einblick in das Innenleben
der Bewegung zu erhalten.[17] Die für die vorliegende Arbeit geführten Interviews wurden
nach einer einheitlichen Struktur aufgebaut. Zunächst wurde der Zeitzeuge mit
einer allgemeinen Fragestellung, wie es vom Historiker und Biographieforscher
Alexander von Plato empfohlen wird,[18] zur
Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz bzw. im Hunsrück zum freien Erzählen seiner
Geschichte angeregt. In einem zweiten Schritt standen das Engagement und die
Rolle bzw. Bedeutung der Gruppe, welcher der jeweilige Zeitzeuge angehörte,
innerhalb der Bewegung im Vordergrund. In diesem Zusammenhang wurden auch das
Verhältnis der Gruppe zum KOFAZ-Spektrum und eine eventuelle kommunistische Einflussnahme
thematisiert. Der dritte Teil des Interviews diente der Klärung der
persönlichen Beweggründe für die Mitarbeit in der Friedensbewegung und die Art
des Engagements. Der Verfasser der vorliegenden Arbeit ist sich der
Problematik, die sich im Zusammenhang mit Zeitzeugenbefragungen und „Oral
History“ in der Geschichtswissenschaft ergibt, bewusst.[19]
Daher gingen jedem Interview eingehende Vorbereitungen und Recherchen über den
betreffenden Zeitzeugen und die Gruppe, der er angehörte, voraus, um gezielt nachfragen
und eventuelle Darstellungsfehler ansprechen zu können. Zeitzeugeninterviews
über die Friedensbewegung sind im Vergleich zu anderen historischen Themen wie
der NS-Diktatur oder dem SED-Regime, bei denen ebenfalls das Mittel der
Zeitzeugenbefragung angewandt wird, in zwei Punkten weniger problematisch:
Erstens liegen die Ereignisse noch nicht so lange zurück, so dass sie zumeist
noch gut rekonstruierbar sind; trotzdem führt auch hier der zeitliche Abstand
unweigerlich zu Lücken in der Erinnerung, weswegen für die Darstellung
historischer Daten und Fakten schriftliche Dokumente herangezogen wurden.
Zweitens verbinden die Zeitzeugen mit den Geschehnissen keine traumatischen
Erlebnisse, die zu einer Verfälschung des Berichts beitragen könnten. Dennoch
wurde immer versucht, die Zeitzeugenaussagen mit schriftlichen Quellen
abzugleichen. Wo das nicht möglich war, wurde es im Text deutlich gemacht. Das erste Hauptkapitel über die Friedensbewegung in der
Bundesrepublik Deutschland wurde hauptsächlich auf der Basis von
Sekundärliteratur verfasst. Publikationen zur Friedensbewegung in der
Bundesrepublik sind zahlreich vorhanden; die zeitliche Abfolge der
Veröffentlichungen lässt sich in drei Phasen einteilen: Die ersten
wissenschaftlichen Arbeiten kamen bereits kurz nach dem Entstehen der Bewegung
heraus.[20] Sie
beschäftigten sich zumeist mit der Friedensbewegung als neuem politischen und
gesellschaftlichen Phänomen. Weitere Untersuchungen wurden im Verlauf der
1980er Jahre veröffentlicht; in dieser Phase war die Auseinandersetzung mit der
Friedensbewegung breiter angelegt; ihre Strukturen und zunehmend die Rolle des
kommunistischen Spektrums wurden thematisiert.[21] Nach
dem Ende des Kalten Krieges folgte die dritte Phase der Auseinandersetzung mit
der Friedensbewegung:[22]
Aufgrund der nun verfügbaren Akten der SED und des MfS war es möglich, neue
Erkenntnisse über Beeinflussungsversuche von Seiten der DDR und der UdSSR zu
gewinnen. Obwohl in der einschlägigen Fachliteratur als
herausragende Charakteristika der Friedensbewegung in der Bundesrepublik immer
wieder Dezentralisierung und Regionalisierung genannt werden,[23] fand
bisher keine eingehende Beschäftigung mit den regionalen Friedensbewegungen
statt. In der Regel erfolgte eine Auseinandersetzung mit der Friedensbewegung
als bundesweiter Protestbewegung, oft im Vergleich zur Friedensbewegung in der
DDR, anderen Ländern Europas und den USA.[24]
Aufgrund ihrer Heterogenität bot die Friedensbewegung zahlreiche Ansätze für
eine wissenschaftliche Bearbeitung, weshalb es schwierig ist, mehrere Werke
unter thematischen Oberbegriffen zusammen zu fassen. Auffällig ist, dass gerade
in den 1980er Jahren Publikationen erschienen, die in der öffentlichen
Diskussion um die Friedensbewegung eindeutig Partei ergriffen.[25] Zwei
große Themenfelder lassen sich dennoch erkennen: Zum einen die
soziologisch-politische Einordnung der Friedensbewegung im Rahmen der Forschung
zu den „neuen sozialen Bewegungen“;[26] zum
anderen die Beschäftigung mit der kommunistischen Einflussnahme auf die
Bewegung.[27] Zur Darstellung der Aufmerksamkeit, die die
Friedensbewegung in der Öffentlichkeit fand, wurden für die vorliegende
Untersuchung Zeitschriften und Zeitungen als Quellen herangezogen. Zudem übten
gerade im Falle der Friedensbewegung im Hunsrück Berichte aus den Printmedien
erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Bewegung aus.[28]
Daher fand eine systematische Auswertung der wöchentlich erscheinenden
Zeitschriften „Spiegel“ und „Stern“, der Wochenzeitung „Zeit“, der
überregionalen Tageszeitungen „Bild“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“,
„Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Tageszeitung“ sowie der
regionalen Tageszeitungen „Allgemeine Zeitung Mainz“, „Hunsrücker Zeitung“ und
„Rhein-Zeitung Koblenz“ statt.[29]
Diese Zeitschriften und Zeitungen wurden ausgewählt, um eine Übersicht über die
Berichterstattung zur Friedensbewegung aus den verschiedenen politischen und
gesellschaftlichen Spektren zu erhalten. Außerdem fanden zwei Publikationen aus
dem Umfeld der Friedensbewegung, die vierteljährlich erscheinende
Friedenszeitung „Hunsrück-Forum“[30] und
der „Grüne Rheinland/Pfälzer“, die
zumeist monatlich veröffentlichte Landeszeitung der Grünen in Rheinland-Pfalz,[31] Berücksichtigung. Hinzu kamen Drucksachen des
Landtags Rheinland-Pfalz, Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts sowie
Publikationen des Bundesinnenministeriums und des Verteidigungsministeriums.
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2 Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik
Deutschland
2.1 Die Friedensbewegung als
(neue) soziale Bewegung
Der Begriff "Friedensbewegung" impliziert, dass es sich bei dem
Protest gegen die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenrakten
in der Bundesrepublik nicht um spontane Aktionen einzelner gesellschaftlicher
Gruppen handelte, sondern um eine soziale Bewegung. Mit ihrer Namensgebung
setzte sich die Friedensbewegung in den Kontext anderer sozialer Bewegungen
wie beispielsweise der Ökologiebewegung und der (neuen) Frauenbewegung, die in Abgrenzung
zu früheren Bewegungen wie der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts vielfach
als „neue soziale Bewegungen“ bezeichnet wurden.[32]
Gemeinsam war diesen Strömungen die Ansicht, dass die traditionelle Politik bei
der Lösung drängender politischer und sozialer Probleme zunehmend an ihre
Grenzen stieß. Als Antwort darauf sowie als Abwehrreaktion auf die als
bedrohlich wahrgenommenen Folgen der Modernisierung und die Diskrepanz zwischen
Fortschrittsversprechungen und politischer Wirklichkeit versuchten die
Bewegungen von außen Einfluss auf das parlamentarische System zu nehmen.[33] Unabhängig von der
Unterscheidung zwischen „alten“ und „neuen“ sozialen Bewegungen weisen doch
beide auch übereinstimmende Merkmale auf. Eine in der Forschung anerkannte und
ausführliche Definition der sozialen Bewegungen bieten Brand, Büsser und Rucht.[34]
Sie arbeiten in ihrer Gesamtdarstellung der „neuen sozialen Bewegungen“ in der
Bundesrepublik ab den 1950er Jahren sieben Kriterien für soziale Bewegungen
heraus:[35] 1. Soziale Bewegungen haben
zum Ziel, „soziale und politische Verhältnisse, die von größeren
gesellschaftlichen Gruppen als krisenhafte Belastung, als unzumutbar und
ungerecht erfahren werden,“ zu ändern. 2. Sie „besitzen ein Minimum
an organisatorischer Struktur, die ihnen Bestand verleiht, und eine bestimmte
Führungsstruktur, die ihnen strategisches Handeln ermöglicht.“ Damit
unterscheiden sie sich von stärker institutionalisierten Verbänden und Parteien
sowie von sporadisch aufkommendem Protest. Dafür hat das gemeinschaftliche
Handeln in sozialen Bewegungen einen höheren Stellenwert. 3. Sie werden von
„bestimmten sozialstrukturell identifizierbaren Gruppen“ getragen 4. Solange der
institutionelle Weg versperrt ist, versuchen soziale Bewegungen, ihre Ziele
durch direkte Aktionen umzusetzen. Gewöhnlich laufen institutionelle und
außerinstitutionelle Aktionsformen parallel. 5. Soziale Bewegungen müssen
„in ‚Bewegung’ bleiben“. Dies ergibt sich aus dem niedrigen
Institutionalisierungsgrad und der „immanenten Entwicklungslogik sozialer
Bewegungen“, die, solange der Erfolg ausbleibt, eine immer höhere Mobilisierung
der Bevölkerung und eine weitere Eskalation des Konflikts erfordert. 6. „Soziale Bewegungen haben
einen Anfang und ein Ende.“ Eine soziale Bewegung ergibt sich aus der
„Herausbildung einer gemeinsamen Deutung der Problemlage und durch gemeinsame
Zielvorstellungen“ sowie durch eine gemeinsame Identität. Das Ende einer
sozialen Bewegung kann auf verschiedene Art und Weise erfolgen: Sie erreicht
ihr Ziel, sie zerfällt aufgrund von Misserfolgen, das Anliegen wird
„institutionalisiert und damit gesellschaftlich anerkannt“, die Bewegung wird
zu einer „formalen Organisation“, das Thema verliert an öffentlicher
Aufmerksamkeit und damit seine Mobilisierungsfähigkeit, die Bewegung wird durch
„staatliche Repression zerschlagen“. 7. Soziale Bewegungen sind
zumeist in einen „umfassenderen Protestzyklus eingebunden“. Den Höhepunkt des
Zyklus bildet eine breite Massenmobilisierung. Diese Kriterien werden im weiteren Verlauf des zweiten Kapitels
aufgegriffen und auf die Friedensbewegung angewandt. 2.2 Der NATO-Doppelbeschluss
von Dezember 1979 als Auslöser für die Friedensbewegung
Das auslösende Ereignis für die Friedensbewegung der
1980er Jahre, die „krisenhafte Belastung“, welche die Bewegung ändern wollte,
bildete der sogenannte NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979. Als Reaktion
auf die sowjetische Aufrüstung mit atomaren Mittelstreckenraketen des Typs
SS-20 fassten die Außen- und Verteidigungsminister der NATO-Länder auf einer
Sondersitzung in Brüssel den Beschluss, der wie kaum ein anderes
sicherheitspolitisches Thema die Gemüter in der Bundesrepublik Deutschland
erhitzen sollte. Das offiziell „Kommuniqué der Sondersitzung der Außen- und
Verteidigungsminister der NATO vom 12. Dezember 1979 in Brüssel“ betitelte
Dokument bestand – wie der Begriff „Doppelbeschluss“ impliziert – im Wesentlichen
aus zwei Teilen: Zum einen wurde die Modernisierung der nuklearen
Mittelstreckensysteme großer Reichweite, englisch „Long-range Theatre Nuclear
Forces“ (LRTNF), der NATO festgelegt, zum anderen eine Empfehlung
ausgesprochen, dass die USA und die Sowjetunion sobald wie möglich
Verhandlungen über eine beiderseitige Begrenzung ihrer nuklearen
Mittelstreckensysteme aufnehmen sollten.[36] Dem Doppelbeschluss war eine Rede des damaligen deutschen
Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) am 28. Oktober 1977 im Londoner Institut
für strategische Studien (IISS) vorausgegangen, in der er im Hinblick auf die
laufenden Rüstungskontrollverhandlungen zwischen den USA und der UdSSR in Genf
auf die Mittelstreckenraketen als „Grauzonenpotential“ hinwies. In die bis ins
Jahr 1977 geltenden Rüstungskontrollbestimmungen der SALT I-Gespräche und in
die daran anknüpfenden SALT II-Folgeverhandlungen wurden Mittelstreckenwaffen,
die im Ernstfall Europa und besonders die Bundesrepublik hätten bedrohen
können, nicht einbezogen. Da die Sowjetunion Mitte der 1970er Jahre begonnen
hatte, ihre auf Westeuropa gerichteten Mittelstreckenraketen durch modernere
des Typs SS-20 zu ersetzen, sah Helmut Schmidt das strategische Gleichgewicht
in diesem Bereich gefährdet. Mit seiner Rede schob er einen
Entscheidungsprozess innerhalb der NATO an, der im Doppelbeschluss mündete.[37] Die öffentliche Diskussion entzündete sich vor allem am
ersten Teil des Doppelbeschlusses, der im offiziellen Sprachgebrauch
„Nachrüstung“ genannt wurde. Der Nachrüstungsteil des NATO-Doppelbeschlusses
sah die Stationierung von 108 amerikanischen Pershing II-Raketen, welche die
amerikanischen Pershing I A ersetzen sollten, und von 464 bodengestützten
Marschflugkörpern, englisch „Ground-launched Cruise Missiles“ (GLCM), die sämtlich
mit je einem Gefechtskopf ausgestattet waren, ab Ende 1983 in ausgewählten
europäischen Ländern vor. Gleichzeitig sollten 1.000 ältere nukleare
Gefechtsköpfe aus Europa abgezogen werden.[38] In
Deutschland sollten alle 108 Pershing II-Raketen stationiert werden, je 36 in
den baden-württembergischen Orten Mutlangen, Neu-Ulm und Waldheide. Hinzu kamen
96 Marschflugkörper; als Stationierungsgebiet wurde der Hunsrück in
Rheinland-Pfalz ausgewählt.[39] Der NATO-Doppelbeschluss wurde in einer Zeit gefasst, die
geprägt war von einem abrupten Wechsel der Entspannungspolitik hin zu einer
Politik des Kalten Krieges, dokumentiert im sowjetischen Einmarsch in
Afghanistan im Dezember 1979 und in der Nichtbefassung des amerikanischen
Senats mit SALT II zum Jahreswechsel 1979/1980.[40] In
diesem Klima entfaltete der Doppelbeschluss eine katalytische Wirkung für die
Entwicklung der Friedensbewegung; er bildete „den eigentlichen Anlaß und
Bezugspunkt der Friedensbewegung in der Bundesrepublik“[41]. Die
Nachrüstung mit den als „Ersteinsatzwaffen“ angesehenen Pershing II und
Marschflugkörpern wurde von vielen Menschen in der Bundesrepublik als
„unzumutbare Selbstbedrohung“ empfunden.[42] Zum
einen fürchtete man, zum Ziel eines russischen Angriffs zu werden, mit dem die
UdSSR die Bedrohung durch die neuen Waffensysteme ausschalten wolle.[43] Zum
anderen wuchs im Kontext mit der inneramerikanischen Diskussion seit Mitte der
1970er Jahre darüber, ob ein Atomkrieg militärisch „führbar“ sei, die Angst,
dass die USA aufgrund der neuen Mittelstreckenwaffen einen auf Europa
begrenzten Atomkrieg in Betracht ziehen könnten.[44] Eine
zusätzliche Mobilisierung bewirkte der Doppelbeschluss durch die ambivalente
Kombination aus Rüstungs- und Abrüstungselementen, die in Zusammenhang mit dem
Faktor Zeit (Beginn der Nachrüstung knapp vier Jahre nach dem Doppelbeschluss)
geradezu den Versuch einer Einflussnahme heraufbeschwor.[45] Da in den Verhandlungen über eine beiderseitige Begrenzung
ihrer Mittelstreckensysteme, die die USA und die UdSSR im November 1981 in Genf
aufgenommen hatten, keine Lösung erzielt werden konnte, wurde der Zeitplan für
die Nachrüstung – wie im Doppelbeschluss festgelegt – eingehalten.[46] Der
Bundestag stimmte am 22. November 1983 nach zweitägiger Debatte über den
NATO-Doppelbeschluss ab. Mit den Stimmen der parlamentarischen Mehrheit, der
Koalition von CDU/CSU und FDP, wurde die Stationierung von Pershing II-Raketen
und Marschflugkörpern beschlossen.[47]
Blog: Frieden braucht Bewegung 2.3 Die Struktur der
Friedensbewegung
Soziale Bewegungen zeichnen sich nach Brand, Büsser und Rucht durch ein
Mindestmaß an organisatorischer Struktur und durch eine bestimmte
Führungsstruktur aus. In der Friedensbewegung wurden diese durch drei Gremien
gebildet: die Aktionskonferenzen, den Koordinationsausschuss und die
Geschäftsführung.[48]
Diesen Gremien wurde in der Forschung unter Verweis auf die lockere
Organisationsstruktur der Friedensbewegung lange nicht die nötige Bedeutung
beigemessen.[49] Thomas Leif untersuchte
1985 erstmals die Entscheidungsstrukturen der Friedensbewegung und bescheinigte
ihr dabei eine professionelle Arbeitsweise in ihrer Verknüpfung „der informell
organisierten Basis und der zentral strukturierten Gremienarbeit auf
Bundesebene“[50]. Zu den Aktionskonferenzen, die in unregelmäßigen Abständen
(allein viermal im Jahr 1982, nur einmal im Jahr 1983) stattfanden, entsandten
Vertreter der etwa 4.000 bundesweiten Friedensinitiativen, Gruppen,
Organisationen, Verbänden und Parteien ihre Vertreter. Häufig waren noch
regionale Aktionskonferenzen zwischengeschaltet, die wiederum Vertreter zu den
bundesweiten Aktionskonferenzen entsandten.[51]
Diese fanden zunächst in Bonn und Bad Godesberg, später zumeist in Köln statt.
Die Aktionskonferenzen waren das „Legitimationsorgan für die zukünftige
Arbeit der Friedensbewegung“;[52] dort
wurde das weitere Vorgehen der Bewegung diskutiert und abgestimmt. Problem der
Aktionskonferenzen, an denen zwischen 300 und 1.200 Menschen teilnahmen, war,
dass sie nicht in jedem Fall die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse an der
Basis, d.h. in den mehreren tausend Friedensinitiativen in der Bundesrepublik,
widerspiegelten. Das kommunistische KOFAZ-Spektrum war im Verhältnis zu den
Grünen bei den Aktionskonferenzen überproportional stark vertreten, was in
keiner Weise den Kräfteverhältnissen an der Basis entsprach. Allerdings wurde
dieses Ungleichgewicht in der Regel durch andere Gruppen aufgefangen.[53] Der
Koordinationsausschuss (KA) in Bonn bildete das „Nervenzentrum“[54] der
bundesdeutschen Friedensbewegung. Er ging aus der „Bonner Frühstücksrunde“, die
sich zur Vorbereitung der ersten Großdemonstration im Oktober 1981 gebildet
hatte, hervor.[55] Der
Koordinationsausschuss steuerte als zentrales Entscheidungsgremium den Kurs der
Friedensbewegung; so wurden bis 1985 alle wichtigen Aktionsvorschläge und
Aufrufe des Koordinationsausschusses von den Aktionskonferenzen bestätigt.[56] In
seiner Zusammensetzung repräsentierte der KA, dem 30 Personen aus verschiedenen
Parteien, Jugendverbänden, christlichen Gruppen, antifaschistischen Gruppen,
Frauen-, Ökologie-, Dritte-Welt- und
Friedensgruppen als Mitglieder angehörten, die Heterogenität der
gesamten Friedensbewegung.[57] Die
teils großen programmatischen Unterschiede der Mitgliedsorganisationen führten
zu heftigen Diskussionen und Krisen innerhalb des Koordinationsausschusses,
besonders nachdem die Verhinderung der Nachrüstung als Ziel, auf das sich alle
beteiligten Gruppen einigen konnten, gescheitert war. Im Dezember 1984 wurde
daher eine Umorganisation des Koordinationsausschusses beschlossen, wodurch der
Schwerpunkt der KA-Arbeit von der Aktionsvorbereitung hin zur Beratung über
friedenspolitische Fragen verlagert werden sollte.[58] Die
Strukturveränderungen wurden von den meisten Mitgliedern nur widerwillig
angenommen, verhinderten aber eine Auflösung des Koordinationsausschusses im
Untersuchungszeitraum der vorliegenden Arbeit.[59] Als der
Koordinationsausschuss am 20. Mai 1983 seine Aufgaben strukturierte, wurde die
Einsetzung einer Geschäftsführung beschlossen. Deren Aufgabe bestand in der
Umsetzung der Beschlüsse des KA, der Vorbereitung der KA-Sitzungen sowie in der
Koordinierung der auf den Aktionskonferenzen gebildeten Arbeitsgruppen und der
Öffentlichkeitsarbeit. Vertreter aus sechs Gruppen bildeten die
Geschäftsführung: Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF), Bundesverband Bürgerinitiativen
Umweltschutz (BBU), Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen
(BUKO), Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK),
Frauen für den Frieden und Vereinigte Deutsche Studentenschaft (VDS).[60]
Aufgrund ihres massiven Einflusses innerhalb der Friedensbewegung und ihrer
großen Präsenz in den Medien geriet die Geschäftsführung bei den „einfachen“
Mitgliedern des KA schnell in die Kritik, was schließlich zur Auflösung der
Geschäftsführung am 13./14. Dezember 1983 führte.[61]
Dennoch hatte die Friedensbewegung mit der Einführung der Geschäftsführung
einen großen Schritt zur Professionalisierung und den KA zu einem politischen
Faktor in der bundesdeutschen Öffentlichkeit gemacht.[62]
Daher wurde acht Monate später erneut eine Geschäftsführung installiert, die
wiederum verschiedene Nachfolger hatte. Allerdings hatten die
Nachfolge-Geschäftsführungen wesentlich weniger Kompetenzen als die erste
Geschäftsführung, so dass sie nie deren Bedeutung und Einfluss erlangten.[63] 2.4 Die Spektren der
Friedensbewegung
Wie von
Brand, Büsser und Rucht als Merkmal sozialer Bewegungen definiert, wurde auch
die Friedensbewegung von „sozialstrukturell identifizierbaren Gruppen“
getragen. Die Einteilung der verschiedenen Gruppen und Organisationen in
größere Spektren ist in der Forschung nicht einheitlich. Dies ist zum einen in
der Heterogenität der in der Friedensbewegung engagierten Gruppen begründet,
deren einziges gemeinsames Ziel in der Verhinderung der Nachrüstung bestand.
Zum anderen existierten auch innerhalb der einzelnen Gruppen häufig
verschiedene Strömungen, was eine Einordnung zusätzlich erschwert. Eine erste Annäherung an die Spektren
der Friedensbewegung bietet Günther Schmid mit seiner, an organisatorischen
Kriterien orientierten, Einteilung in „Alte und Neue Linke“, „Christen und
Pazifisten“ und „Ökologie- und Alternativgruppierungen“.[64] Diese grobe Unterscheidung greift jedoch bei
einer eingehenden Beschäftigung mit der Friedensbewegung zu kurz, da sie
beispielsweise sozialdemokratische und kommunistische Kräfte unter „Alte und
Neue Linke“ zusammenfasst. Eine differenziertere Einteilung nimmt Thomas Leif
vor. Als Spektrum definiert er „informelle, politisch oder weltanschaulich
motivierte Zusammenschlüsse, die auf der Grundlage gemeinsamer, theoretischer
Fundamente und Organisationseinbettung, verwandter Praxisfelder, sowie
Grundorientierungen und Forderungen zu gemeinsam vertretenen Beschlüssen und
Forderungen kommen.“[65] Da
Leif zudem (als einziger in der Fachliteratur) das Abstimmungsverhalten im
wichtigsten Gremium der Friedensbewegung, dem Koordinationsausschuss,
berücksichtigt, kann seine Einteilung als die am besten durchdachte angesehen
werden.[66] Leif arbeitet sechs Spektren der
Friedensbewegung heraus: Die Christen, die Unabhängigen, das KOFAZ-Spektrum,
die Sozialdemokraten, die Grünen sowie die Sonstigen.[67]
Unter sonstige Gruppen subsumiert Leif einige Organisationen und Initiativen,
die keinem bestimmten Spektrum zugeordnet werden können, wie den Bundesverband
Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), einen Zusammenschluss von über 300
Umweltinitiativen, sowie die von der FDP abgespalteten Liberalen Demokraten und
Jungdemokraten. Die fünf erstgenannten Spektren bildeten das „Herzstück der
Friedensbewegung“[68].
Jedes Spektrum wurde durch eine einflussreiche Gruppe repräsentiert, die auch
bei den Aktionskonferenzen und im Koordinationsausschuss die Position des
Spektrums vertrat. Für die Christen war dies die
evangelische Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF), die sich durch die
Vorbereitung der ersten Großdemonstration im Oktober 1981 in der
Friedensbewegung profilierte und innerhalb des nicht sehr homogenen, aber
starken christlichen Blocks eine
leitende Funktion einnahm. Komplettiert wurde das christliche Spektrum
durch weitere evangelische Gruppen sowie die katholische Friedensorganisation
Pax Christi, die ökumenisch zusammenarbeiteten. Das Spektrum der Unabhängigen wurde
durch die Bundeskonferenz Unabhängiger Friedensgruppen (BUF), einen
Zusammenschluss der vielfältigen autonomen Friedensinitiativen, welche die
Basis der Friedensbewegung in der Bundesrepublik bildeten, vertreten.[69]
Hinzu kamen andere unabhängige Gruppen wie die Initiative „Anstiftung der
Frauen für den Frieden“ und der Bundeskongress entwicklungspolitischer
Aktionsgruppen (BUKO). Ein besonders organisationsstarker
Zusammenschluss wurde innerhalb der Friedensbewegung nach dem Komitee für
Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit (KOFAZ) benannt. Das KOFAZ koordinierte
die Arbeit von der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) nahestehenden
Organisationen und publizierte deren wesentliche Forderungen. Dem 1974
gegründeten Komitee gehörten führende Funktionäre der DKP und ihrer
Bündnisorganisationen wie der Deutschen Friedensunion (DFU), der Deutschen
Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) und der
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA)
an. Durch das KOFAZ, die DFG-VK, die VVN-BdA und andere ihr nahestehende
Organisationen war die DKP, obwohl sie selbst kein Mitglied im
Koordinationsausschuss stellte, dennoch im zentralen Gremium der
Friedensbewegung vertreten und konnte so den Kurs der Bewegung entscheidend
beeinflussen.[70] Erhebliche finanzielle und auch
organisatorische Unterstützung erhielt die DKP von der Sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands (SED) der DDR und der sowjetischen KPdSU, die auf
diese Weise die westdeutsche Friedensbewegung in ihrem Sinne zu lenken
versuchten. Der „Krefelder Appell“ vom 15./16. November 1980, der sich
ausschließlich gegen westliche Atomraketen richtete und bis Ende 1983 den
sogenannten „Minimalkonsens“ der Friedensbewegung bildete, war Ausdruck des
DKP-Einflusses und damit auch des Einflusses aus Ost-Berlin und Moskau.[71] Da
Parteien und Organisationen mit kommunistischem Hintergrund in der
Bundesrepublik jedoch keinen großen Zuspruch fanden und keine parlamentarische
Macht hatten, versuchte die SED die Grünen für ihren „Friedenskampf“ gegen die
westliche Sicherheitspolitik zu instrumentalisieren, was ihr aber letztlich
nicht gelang.[72] Das Spektrum der Sozialdemokraten
wurde durch Positionen der Jungsozialisten (Jusos) und linker Sozialdemokraten
geprägt. Das Engagement der Jungsozialisten gegen die Nachrüstung war vor allem
innerparteilich ausgerichtet, schließlich war der NATO-Doppelbeschluss unter
der Kanzlerschaft der SPD initiiert und gefasst worden. Ab Mitte 1983 scherte
die SPD auf den Kurs der Friedensbewegung ein, was in den Gegenstimmen der
SPD-Bundestagsfraktion zur Nachrüstung am 22. November 1983 Ausdruck fand.[73]
Weitere Gruppen in diesem Spektrum waren die DGB-Jugend, die – als Organisation
politisch unabhängig – mit sozialdemokratischen Grundpositionen in der
Sicherheitspolitik übereinstimmte, und die Gustav-Heinemann-Initiative für die
Wahrung der Bürger- und Menschenrechte. Die Bundespartei der Grünen wurde am
13.01.1980 in Karlsruhe gegründet und gehörte mit ihren sicherheitspolitischen
Positionen von Anfang an zur Friedensbewegung. Ihre Politik richtete sich an
den vier Grundsätzen „umweltbewusst, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei“[74] aus.
Ihre hervorgehobene Position innerhalb der Friedensbewegung verdankten die
Grünen, die auf Aktionskonferenzen nur schwach vertreten waren, ihrem Gewicht
als (ab 1983 im Bundestag vertretene) Partei und ihrem Zugang zu den Medien. 2.5 Die Entwicklung der
Friedensbewegung
Nach Brand, Büsser und Rucht sind soziale Bewegungen in einen größeren
Protestzyklus eingebunden. Auch die Friedensbewegung der 1980er Jahre
profitierte in ihrer raschen Entwicklung von Vorläuferbewegungen. Angefangen
mit der „Ohne Mich“-Bewegung gegen die deutsche Wiederbewaffnung aus dem Jahr
1950 über die Bewegung gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr unter dem
Motto „Kampf dem Atomtod“ Mitte der 1950er Jahre bis zur Ostermarsch-Bewegung
der 1960er Jahre im Zuge der Studentenbewegung gab es in der Bundesrepublik
eine Tradition der Friedensbewegung, auf der die „neue“ Friedensbewegung
aufbauen konnte.[75] So waren die
Aktionskonferenzen keine Erfindung der 1980er Jahre; bereits 1968 wurde diese
Form der Meinungsbildung in der „Kampagne für Abrüstung“ genutzt.[76]
Ebenfalls wieder aufgenommen wurden die Ostermärsche, bei denen in den 1980er
Jahren Hunderttausende aus Protest gegen die Nachrüstung auf die Straße gingen.[77] Zudem konnte die Friedensbewegung auf vorhandene Strukturen
und Netzwerke bereits vorher existierender Organisationen zurückgreifen,
wodurch sie im Gegensatz zu der Bewegung der 1950er Jahre eine wirkungsvolle
außerparlamentarische Koalition aufweisen konnte.[78]
Weitere Unterschiede zu früheren Bewegungen bestanden in der nie gekannten
Anzahl an Aktivisten und Sympathisanten, der parlamentarischen Verankerung im
Bundestag und in Landtagen durch die Grünen sowie in einer bisher nicht
gekannten Fülle von Aktionen.[79] Die Entwicklung der Friedensbewegung bis Ende 1983 lässt
sich in vier Phasen einteilen, die durch die Einführung neuer Elemente bestimmt
waren, sich aber zeitlich überlappten.[80] Den
ersten Abschnitt bildete die Diskussionsphase, in welcher der Protest gegen den
NATO-Doppelbeschluss inhaltlich und organisatorisch vorbereitet wurde. Die
Gegner der Nachrüstung fanden sich in zahlreichen lokalen oder regionalen
Veranstaltungen zusammen und formulierten ihre Ablehnung in Aufrufen, mit denen
die Friedensbewegung in die Appellationsphase eintrat. Diese Phase begann im
Herbst 1980 mit dem ersten und größten Aufruf der Friedensbewegung, dem
„Krefelder Appell“, der bis Ende 1983 von rund vier Millionen Bundesbürgern
unterzeichnet wurde. Weitere Aufrufe gegen die Nachrüstung, die sich entweder
an den „Krefelder Appell“ anlehnten, diesen ablehnten oder verbesserten,
schlossen sich an, erzielten aber nicht dessen Wirkung. Von Juni 1981 an trat die Organisation des Protestes in
Großdemonstrationen in den Vordergrund. In der Demonstrationsphase fanden die
Aktivitäten der Friedensbewegung erstmals die Aufmerksamkeit einer breiten
Öffentlichkeit. So beteiligten sich an der ersten Großdemonstration am 10.
Oktober 1981 in Bonn etwa 300.000 Menschen; diese Zahl konnte im folgenden Jahr
mit 400.000 Menschen noch übertroffen werden.[81] Die
Wiederaufnahme der Ostermarschtradition mit Abschlusskundgebungen in
verschiedenen Großstädten der Bundesrepublik im Jahr 1982 bescherte der
Bewegung weiteren Zulauf. Den Höhepunkt des Protests gegen die Nachrüstung
bildete eine dezentral angelegte Aktionswoche im Oktober 1983 im Vorfeld der
Bundestagsabstimmung über die Stationierung der Atomraketen. Mehr als eine
Million Menschen nahmen an den bundesweit stattfindenden Demonstrationen,
Menschenketten und Kundgebungen teil.[82] Während der Vorbereitung der Aktionswoche war die
Friedensbewegung dazu übergegangen, an den Stationierungsorten sogenannte
„Aktionen zivilen Ungehorsams“ durchzuführen. Bei diesen friedlich
durchgeführten Aktionen, in der Regel Sitzblockaden, handelte es sich nach
damaliger Auffassung um strafbare Handlungen, an denen sich die Aktivisten
trotz einer zu erwartenden, empfindlichen Sanktion beteiligten; dennoch nahmen
insgesamt mehrere tausend Menschen an „Aktionen zivilen Ungehorsams“ teil.[83]
Beendet wurde die Aktionsphase durch den Stationierungsbeschluss des
Bundestages, der eine Zäsur in der Entwicklung der Friedensbewegung darstellte,
aber nicht zu ihrer Auflösung führte.[84] Auf den „heißen Herbst“ 1983 folgte eine selbst verordnete
„Denkpause“[85]. Um nicht an Bedeutung zu
verlieren, suchte die Friedensbewegung nach neuen Zielen und Aktionsformen. Da
aber keine Einigkeit gefunden werden konnte, wurde der Minimalkonsens
fortgeschrieben mit dem Ziel, die Durchführung der Stationierung zu verhindern
bzw. den Abbau der aufgestellten Raketen zu erreichen. In der Folgezeit kam es
zu einer starken Dezentralisierung des Engagements; bis zum Herbst 1986 fanden
keine zentralen Großdemonstrationen mehr statt. Wie bereits zuvor gab es
Ostermärsche und „Aktionen zivilen Ungehorsams“.[86] Als
Massenbewegung konnte die Friedensbewegung nur noch mit den Ostermärschen auf
sich aufmerksam machen, doch sank hier die Beteiligung von 1984 bis 1987 stetig
von bundesweit rund 450.000 Teilnehmern auf 150.000 bis 200.000 Teilnehmer.[87] Auch
die Präsenz an den Stationierungsorten ging zurück;[88] eine
Ausnahme bildete nur Hasselbach im Hunsrück, wo die Teilnehmerzahlen bei
Veranstaltungen der regionalen Friedensinitiative in diesem Zeitraum sogar
anstiegen. In Hasselbach fand daher am 11. Oktober 1986 die erste Großdemonstration
der Friedensbewegung seit dem Stationierungsbeschluss statt, an der sich mehr
als 150.000 Menschen beteiligten (vgl. Kapitel 4). Danach veranstaltete die
Friedensbewegung nur noch eine Großdemonstration am 13. Juni 1987 in Bonn, bei
der sie etwa 100.000 Menschen mobilisieren konnte.[89] 2.6 Der INF-Vertrag von
Dezember 1987 als Endpunkt der Friedensbewegung
Die
1981 aufgenommenen Verhandlungen zwischen den USA und der UdSSR über die
Mittelstreckenraketen führten sechs Jahre später zu einer Vereinbarung über
deren Abrüstung: dem INF-Vertrag. In dem Vertrag, den der amerikanische
Präsident Ronald Reagan und der Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow
am 8. Dezember 1987 in Washington unterzeichneten, einigten sich die beiden
Supermächte auf die Vernichtung ihrer Mittelstrecken- und Kurzstreckenraketen
und verpflichteten sich, zukünftig auf den Besitz dieser Systeme zu verzichten.[90]
Die Liquidierung der Mittelstreckenraketen, und damit der im Zuge der
Nachrüstung in der Bundesrepublik stationierten Pershing II und
Marschflugkörper, musste spätestens drei Jahre nach Inkrafttreten des Vertrages
erfolgt sein.[91]
Zudem unternahmen beide Seiten im INF-Vertrag erstmals den Versuch, strenge
Inspektionsverfahren und damit vertrauensbildende Maßnahmen einzuführen.[92] Durch den INF-Vertrag fiel die Bedrohung, aufgrund derer sich die Friedensbewegung gebildet hatte, weg; das im Minimalkonsens formulierte Ziel der Friedensbewegung, die Rücknahme der Nachrüstung, war Wirklichkeit geworden.[93] Zwar arbeitete der Koordinationsausschuss noch bis 1989 weiter und formulierte Forderungen nach noch weitreichenderer Abrüstung, doch fanden Veranstaltungen der Friedensbewegung in den folgenden Jahren immer weniger Aufmerksamkeit und Zuspruch.[94] Außerdem hatte, wie von Brand, Büsser und Rucht als ein weiteres mögliches Szenario für das Ende sozialer Bewegungen formuliert, mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 eine Institutionalisierung des Anliegens begonnen. Der INF-Vertrag zwischen den USA und der Sowjetunion und die damit verbundene Abrüstung der atomaren Mittelstreckenraketen markierten letztlich den Endpunkt der Friedensbewegung. |
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3 Die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz
3.1 Die militärische und
politische Situation in Rheinland-Pfalz
„Der größte Flugzeugträger der NATO“[95]: So
bezeichnete der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel
(CDU) in den 1980er Jahren das von ihm regierte Bundesland Rheinland-Pfalz.
Diese Aussage Vogels ist trotz der überspitzten Formulierung keineswegs falsch
und lässt sich anhand von Zahlen belegen: In Rheinland-Pfalz befanden sich Ende
der 1980er Jahre die meisten von den USA militärisch genutzten Flughäfen in der
Bundesrepublik, namentlich in Bitburg, Hahn, Ramstein, Sembach, Spangdahlem und
Zweibrücken.[96] Die „Ramstein Air Base“
stellte den größten US-Flugplatz in Europa und das Hauptquartier der „US-Air
Force Europe“ und der „Alliierten Taktischen Luftstreitkräfte Europa-Mitte“
dar.[97]
Zudem war die Hunsrücker Gemeinde Hasselbach als Stationierungsort für alle 96
Marschflugkörper, die der NATO-Doppelbeschluss für die Bundesrepublik vorsah,
auserkoren worden.[98] Das
pfälzische US-Depot Fischbach galt in der Öffentlichkeit und in der
Friedensbewegung außerdem bis zum Abzug der amerikanischen C-Waffen im Frühjahr
1990 als Stationierungsort der amerikanischen Giftgasvorräte in Europa.[99] Genug Gründe eigentlich für den Koordinationsausschuss der
Friedensbewegung, in Rheinland-Pfalz aktiv zu werden und die dortige Situation
durch medienwirksame Aktionen wie Demonstrationen oder Blockaden bundesweit
publik zu machen. Dennoch richtete sich – gerade im Vergleich zum bekanntesten
Stationierungsort der Bundesrepublik im schwäbischen Mutlangen –
unverhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit der bundesdeutschen Friedensbewegung auf
Rheinland-Pfalz. Die möglichen Gründe: Rheinland-Pfalz war allein aufgrund
seiner geringen Einwohnerzahl von vier Millionen Menschen weniger interessant
für die in der Friedensbewegung engagierten politischen Parteien als das mehr
als doppelt so viele Einwohner zählende Baden-Württemberg mit den Pershing
II-Stationierungsorten Mutlangen, Neu-Ulm und Waldheide. In Rheinland-Pfalz
konnten keine Massen mobilisiert und kein großer Zuwachs an Wählerstimmen
erwartet werden. Zudem boten die ländliche Struktur des Bundeslandes und die
vornehmlich konservative Mentalität der rheinland-pfälzischen Bevölkerung den
links-alternativen Friedensgruppen wenig Rückhalt. So war die CDU bis 1991 im
Mainzer Landtag die dominierende Partei; von 1971 bis 1987, und somit auch
während der Hochphase der Friedensbewegung, regierte sie sogar mit absoluter
Mehrheit.[100] Zwar stellte auch in
Baden-Württemberg seit 1953 und bis zum heutigen Tag die CDU den
Ministerpräsidenten, doch konnten sich dort – anders als in Rheinland-Pfalz
(vgl. Kapitel 3.3.5) – die Grünen ab 1980 im Landtag etablieren und seitdem
durchweg bei Landtagswahlen Ergebnisse über dem Bundesschnitt erzielen.[101] 3.2 Entstehung und Struktur
der Friedensbewegung
Hatte man sich in Rheinland-Pfalz lange nicht wirklich an
der großen Militärpräsenz der Amerikaner gestört oder dies zumindest nicht
öffentlich kundgetan, da sie dem Bundesland Tausende Arbeitsplätze bescherte,
so wollte man in den 1980er Jahren „im atomaren Wettrüsten immer weniger zum Leidtragenden der Entwicklung
des Kalten Krieges“[102]
und nicht zum Ziel atomarer Angriffe des Ostblocks werden.
Daher formierte sich nach dem NATO-Doppelbeschluss eine Bewegung der
Nachrüstungsgegner, welche die Stationierung der amerikanischen
Marschflugkörper zu verhindern suchte. Eine einheitliche Friedensbewegung
bildete sich jedoch in Rheinland-Pfalz nicht heraus. Die Bewegung war ebenso
heterogen wie auf Bundesebene; die exponierten Gruppen waren größtenteils
identisch. Ein übergeordnetes Gremium auf Landesebene, wie etwa der
Koordinationsausschuss auf Bundesebene, existierte nicht. Ebenso gab es kein
landesweites Zentrum der Bewegung; auch die Landeshauptstadt Mainz diente,
abgesehen von gelegentlichen Versammlungen rheinland-pfälzischer
Friedensinitiativen, nicht als zentrale Anlaufstelle.[103] Die
Situation der Friedensbewegung lässt sich auf die generelle Lage in
Rheinland-Pfalz, das als Bundesland nach dem Zweiten Weltkrieg konstruiert
worden war und wo eher eine regionale als eine landesweite Identifikation
vorherrschte, zurückführen.[104]
Daher bildete sich auch keine gemeinsame Identität der Friedensbewegung in
Rheinland-Pfalz heraus – man kann nicht von der „rheinland-pfälzischen
Friedensbewegung“ sprechen. Vielmehr war die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz eine
Bewegung mit lokaler oder höchstens regionaler Identifikation. In zahlreichen
Städten und Gemeinden gründeten sich lokale Friedensgruppen, welche die
sogenannte „Graswurzelbewegung“ trugen.[105] Die
Intensität des Engagements war unterschiedlich, die Mittel waren meist die
gleichen. Vielerorts wurden Demonstrationen und Ostermärsche zum Protest gegen
die Nachrüstung veranstaltet und lokale Friedenszeitungen herausgegeben. Die
Friedenszeitungen waren eine Reaktion der Friedensbewegung darauf, dass in
vielen Regionen faktisch ein Pressemonopol und damit eine Vorherrschaft über
die öffentliche Meinung bestand. Im Regierungsbezirk Trier beispielsweise war
der „Trierische Volksfreund“ konkurrenzlos, im Hunsrück die „Hunsrücker
Zeitung“, ein Ableger der „Rhein-Zeitung“ aus dem Koblenzer Mittelrheinverlag, und
im Mainzer Raum die „Allgemeine Zeitung“. Mit den Friedenszeitungen wollten die
Herausgeber eine Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Tageszeitungen
schaffen, deren Berichterstattung sie als einseitig und zu sehr auf der Seite
der Mächtigen empfanden,[106] und
ein „Gegengewicht zum verbreiteten militaristischen Denken“[107]
setzen. Die Bevölkerung sollte über Aktionen der Friedensbewegung, den Stand
der Nachrüstung in der Bundesrepublik und grundsätzliche pazifistische Ideen
informiert werden. Zu unterscheiden sind zwei Arten von Friedenszeitungen:
Zum einen gab es Zeitungen wie das „Regionalblatt für Mainz, Wiesbaden und
Umgebung“ und die „Kleine Andere Trierer Zeitung“ („katz“), die von Gruppen aus
dem politisch linken Spektrum wie der Friedenspolitischen Arbeitsgruppe Mainz
und dem Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) der Uni Trier herausgegeben
wurden und regelmäßig erschienen. Sie existierten bereits vor dem
Doppelbeschluss; die Berichterstattung über die Nachrüstung bildete einen von
vielen Themenkomplexen.[108] Zum
anderen gab es Zeitungen, die von örtlichen Friedensgruppen wie der
Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) Trier, die neben dem linken auch im
bürgerlich-christlichen Milieu verankert waren, als Informationsheft über den
Stand der Nachrüstung und über Aktionen der Friedensbewegung herausgegeben
wurden.[109] Diese Friedenszeitungen
erschienen eher unregelmäßig und waren oft nicht von langer Dauer. Die
bekannteste Friedenszeitung dieser Art und gleichzeitig eine Ausnahme der Regel
stellte das „Hunsrück-Forum“ dar, das von 1983 bis 1995 regelmäßig erschien und
die Hochphase der Friedensbewegung zeitlich wie auch thematisch überlebte. Da
das „Hunsrück-Forum“ für die regionale und überregionale Friedensbewegung von
großer Bedeutung war, wird dieser Friedenszeitung ein separates Kapitel
gewidmet. Besonders vital waren Friedensinitiativen in der Nähe der
amerikanischen Militärstützpunkte. Demonstrationen wurden dort direkt am
Militärgelände abgehalten und zogen auch Teilnehmer aus der weiteren Umgebung
an. Hervorzuheben ist dabei der Hunsrück, wo 1986 die einzige Großdemonstration
der bundesdeutschen Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz stattfand (vgl. Kapitel
4.4.3). Bezeichnend ist hier jedoch, dass die Demonstration in Hasselbach eine
der letzten großen Aktionen der bundesdeutschen Friedensbewegung darstellte und
erfolgte, als die Nachrüstung schon in vollem Gange war. Auch „Aktionen zivilen
Ungehorsams“, wie das Blockieren der Zufahrtswege, wurden an den amerikanischen
Militärstützpunkten in Rheinland-Pfalz durchgeführt. 3.3 Die wichtigsten Gruppen
und Organisationen der Friedensbewegung
Die wichtigsten Gruppen und Organisationen der
Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz sind weitgehend identisch mit den auf
Bundesebene aktiven Gruppen und Organisationen. Daher orientiert sich die
folgende Einteilung an den von Thomas Leif identifizierten Spektren der
Friedensbewegung. Die einzige Ausnahme bildet das Spektrum der sonstigen
Gruppen, das in Rheinland-Pfalz keine nennenswerte Rolle spielte. Die für
Rheinland-Pfalz wichtige „Graswurzelbewegung“, bei Leif im Spektrum der
unabhängigen Gruppen zu finden, wird am Beispiel der Arbeitsgemeinschaft
Frieden (AGF) in Trier vorgestellt. Die Reihenfolge der Kapitel orientiert sich
an der von Leif gewählten Abfolge (vgl. Kapitel 2.4) und nimmt keine Wertung
vor. 3.3.1
Die Christen
Wie auf Bundesebene
waren in Rheinland-Pfalz viele Christen in der Friedensbewegung engagiert. Die
bundesweit tätigen christlichen Friedensorganisationen wie Aktion
Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF) und Pax Christi waren auch in
Rheinland-Pfalz aktiv, doch war es oft das Engagement einzelner Christen oder
Kirchengemeinden, das in der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz von Bedeutung
war. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Wirken des evangelischen
Pfarrer-Ehepaars Dahl in der Hunsrücker Friedensbewegung. August Dahl wurde
durch sein Engagement gleichsam zur Galionsfigur des Hunsrücker Protests gegen
die Stationierung der Marschflugkörper; seine Ehefrau Jutta wurde für ihre
Verdienste 1988 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet.[110] Auf
das Ehepaar Dahl wird in Kapitel 4.3.1 über die Friedensbewegung im Hunsrück
näher eingegangen. Das
Engagement der evangelischen Friedensorganisation Aktion
Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF), bundesweit eine der einflussreichsten
Gruppen in der Friedensbewegung,[111]
innerhalb der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz zu bemessen, ist aus zwei
Gründen schwierig. Zum einen war und ist Aktion Sühnezeichen sehr zentral
organisiert. Eine ASF-Regionalgruppe für die Rhein-Main-Region gibt es erst
seit 2002. Die Regionalgruppe sieht ihre Aufgaben vornehmlich in der
Kontaktaufnahme mit potentiellen Kandidaten für Freiwilligendienste und der
lokalen Vernetzung mit anderen Organisationen, die sich mit dem
Nationalsozialismus und seinen Nachwirkungen beschäftigen.[112]
Das Engagement in der Friedensbewegung wurde von der Zentrale in Berlin aus
gelenkt und organisiert. An Aktionen der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz
beteiligte sich Aktion Sühnezeichen im Rahmen des Koordinationsausschusses.
Daher trat ASF nur bei der Organisation der Großdemonstration von 1986 in
Hasselbach, der einzigen Veranstaltung der bundesdeutschen Friedensbewegung in
Rheinland-Pfalz, in Erscheinung.[113]
Im Vorfeld der Demonstration schrieb Aktion Sühnezeichen Kirchengemeinden im
Hunsrück wegen der Unterbringung von Friedensgruppen aus Norddeutschland an, um
die Teilnahme an der Demonstration mit einer Begegnung mit Hunsrücker Christen
zu verbinden. Diese „Aktion Brückenschlag“, wie sie auch an Kirchentagen
praktiziert wird, fand mit 1.600 Rückmeldungen ein „unerwartet starkes Echo“,[114]
was die hohe Beteiligung von Christen in der Friedensbewegung im Hunsrück zu
diesem Zeitpunkt belegt. Zum
anderen sind die Unterlagen von Aktion Sühnzeichen aus den 1980er Jahren im Evangelischen
Zentralarchiv (EZA) in Berlin noch nicht komplett erfasst. Daher ist es nicht
möglich, eine abschließende Aussage über das Friedensengagement von Aktion
Sühnezeichen in Rheinland-Pfalz zu treffen. So ist die Korrespondenz der ASF
mit der Landeskirche Hessen-Nassau, zu der die Propstei Rheinhessen mit Sitz in
Mainz zählt, im Evangelischen Zentralarchiv bisher nur bis Dezember 1980
erfasst. Die Korrespondenz mit der Evangelischen Kirche im Rheinland, zu der
unter anderem die Kirchenkreise Koblenz, Simmern-Trarbach und Trier zählen,
beschränkte sich im Wesentlichen auf Anfragen der ASF bezüglich finanzieller
Hilfe für ihre Projekte. Die Evangelische Kirche im Rheinland unterstützte
Aktion Sühnezeichen immer wieder durch Gelder aus den Kollekten der Landeskirchen
und zeigte sich dabei laut ASF-Geschäftsführer Volkmar Deile „besonders
großzügig“.[115] Das
Wirken von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in der Friedensbewegung in
Rheinland-Pfalz erscheint daher zum jetzigen Zeitpunkt im Verhältnis zum
Engagement im Koordinationsausschuss, dessen Sprecher die ASF in Person von
Andreas Zumach stellte, verhältnismäßig gering. Eine abschließende Bewertung
kann aber erst vorgenommen werden, wenn alle Unterlagen von Aktion Sühnezeichen
im Evangelischen Zentralarchiv zugänglich sind. Die katholische
Pax-Christi-Bewegung war in den 1980er Jahren in Rheinland-Pfalz
überproportional stark vertreten. Im Bistum Mainz gab es im Januar 1984 neun
Pax-Christi-Basisgruppen;[116]
insgesamt existierten zu diesem Zeitpunkt rund 80 Pax Christi-Gruppen in der
Bundesrepublik.[117] Die
Zahl der Pax-Christi-Mitglieder im Bistum Mainz stieg allein im Jahr 1983 um
fast ein Viertel auf 200 an.[118] Die
Mainzer Bistumsstelle bestand bereits seit den 1960er Jahren, acht von neun
Basisgruppen bildeten sich jedoch erst zwischen 1980 und 1983, die meisten als
Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluss.[119]
Geleitet wurde die Bistumsstelle ehrenamtlich von Christian Wilhelm als
Pax-Christi-Vorsitzendem, Pfarrer Kurt Sohns als geistlichem Beirat und Josef
Kolbeck als Geschäftsführer. Das Aufkommen von Pax-Christi-Basisgruppen ist
zurückzuführen auf das Engagement der Bistumsleitung, die zu Beginn der 1980er
Jahre in Kirchengemeinden über Pax Christi und den Protest gegen die
Nachrüstung informierte. Ab 1982 übernahmen Friedensarbeiter, die in
sogenannten „Friedenswerkstätten“ für die Arbeit vor Ort in den Gemeinden
geschult wurden, diese Aufgabe.[120] Grundlage des
bundesdeutschen Pax-Christi-Protests gegen die Nachrüstung war die „Plattform
Abrüstung und Sicherheit“, die im November 1980 einstimmig verabschiedet wurde.
Die Pax-Christi-Bistumsstelle Mainz arbeitete in Person von Christian Wilhelm
aktiv in der achtköpfigen Kommission „Abrüstung und Sicherheit“ mit, welche die
Plattform formulierte. In der Plattform bezog Pax Christi Stellung gegen die
Mittelstreckenrüstung der NATO, nahm aber keine „einseitigen
Bedrohungsanalysen“ vor, um den Dialog mit anderen Gruppen und Positionen offen
zu halten. Dass einzelne Bistumsstellen im Nachhinein zudem den „Krefelder
Appell“ unterzeichneten, führte zu Kritik von Seiten der Kommission. Diese
rügte, dass Erklärungen wie der „Krefelder Appell“ vorhandene Ängste vor einer
Mittelstreckenrüstung der Sowjetunion nicht ernst nähmen. Statt einer
Polarisierung der Friedensbewegung solle Pax Christi die Friedensbewegung
verbreitern.[121] Die Mainzer
Pax-Christi-Gruppen folgten dem Ansatz der Kommission. Bei der Vorbereitung der
„Zweiten Mainzer Friedenswochen“ von 1981 formulierten die beteiligten
christlichen Gruppen, unter ihnen Pax Christi, ihre Bedingungen für die
Teilnahme an den Friedenswochen in zwei Punkten: Gewaltfreiheit des Protests
und Kritik am Einsatz militärischer Mittel „unabhängig davon, welchen
politischen, weltanschaulichen oder geographischen Lagern die Kriegsführenden
angehören.“[122] Das Engagement der Mainzer Pax-Christi-Gruppen in der
Friedensbewegung war nicht frei von inhaltlichen Konflikten, inner- wie
außerhalb der Kirche. Auseinandersetzungen gab es zum einen mit Gruppen des
kommunistischen Spektrums, beispielsweise bei der Vorbereitung der „Plattform“,
eines Friedensaufrufs an die Mainzer Bevölkerung, den alle an den „Mainzer
Friedenswochen 1981“ beteiligten Gruppen unterzeichnen mussten. Geschäftsführer
Josef Kolbeck monierte die Leitungsfunktion eines DFU-Funktionärs bei der
Gestaltung der „Plattform“, da er im Engagement von DFU und DKP „Wolfspolitik
im Lammpelz“ sah.[123]
Kolbeck fürchtete um die Ausgewogenheit von Pax Christi; die Grundaussage der
„Plattform“ war ihm zu einseitig gegen die Politik des Westens gerichtet.[124] Auch
gegenüber konservativen Positionen bezog Pax Christi Stellung. In einem Brief
an Weihbischof Rolly wandte sich die Pax-Christi-Bistumsstelle im Oktober 1983
gegen dessen Aussage, dass „Kirchliche Gruppen (...) sich auf die
Gewaltlosigkeit im gesetzlichen Sinn verpflichtet wissen und sich jeder
Repression enthalten“[125]
müssten. Pax Christi widersprach Rollys Wertung des zivilen Widerstands und
verteidigte „Aktionen zivilen Ungehorsams“ als legitimes Mittel, welches
Demokratie nicht in Frage stelle, sondern eine bewusste gewaltfreie Regelverletzung aus Gewissensgründen bedeute.[126]
Ebenfalls im Oktober 1983 forderte die Pax-Christi-Bistumsstelle den
Intendanten des Südwestfunks Willibald Hilf in einem offenen Brief auf, Franz
Alt wieder als Moderator der Sendung „Monitor“ einzustellen. Der Südwestfunk
hatte Alt, der sich in der Friedensbewegung engagierte, zwar als Chefredakteur
behalten, ihm aber die Moderation der Sendung aus Gründen der „Ausgewogenheit“
entzogen. Dagegen wandte sich Pax Christi unter Verweis auf die
Vermittlerdienste Alts zwischen Befürwortern und Gegnern der Nachrüstung und
warnte vor einer zunehmenden Polarisierung in der Nachrüstungsdiskussion.[127] Von Beginn an nahmen die Pax-Christi-Gruppen des Bistums
Mainz an lokalen Aktionen der Friedensbewegung teil. Als eine von bundesweit
zwei Basisgruppen arbeitete eine Mainzer Basisgruppe im Jahr 1980 an der Gestaltung der ersten Friedenswochen
mit.[128] Die
regelmäßige Beteiligung an den Friedenswochen wurde ergänzt durch sogenannte
Bewusstseinsaktionen wie „Fasten für das Leben“, welche die Basisgruppen aus
Mainz und Worms im August bzw. Oktober 1983 veranstalteten.[129]
Unter dem Motto „Die Bergpredigt kennt kein ‚Gleichgewichtsdenken’. Sie lädt
ein zum ersten Schritt!“ wandten sich die Mitglieder von Pax Christi durch
symbolisches Fasten gegen die Stationierung neuer Atomraketen in Deutschland
und beschäftigten sich in Arbeitskreisen mit alternativen
Verteidigungskonzepten und Friedenserziehung.[130]
Gemeinsam mit evangelischen Christen führten die Mainzer Pax-Christi-Basisgruppen
am 11. Dezember 1983 einen ökumenischen „Versöhnungsgang“ durch, bei dem 250
Menschen zur Versöhnung zwischen Ost und West aufriefen.[131] Die generelle Ernüchterung innerhalb der Friedensbewegung
nach dem Beginn der Raketenstationierung machte sich auch in den
Pax-Christi-Gruppen des Bistums Mainz bemerkbar. In einem Rundbrief zum
Jahreswechsel konstatierte der Vorsitzende Christian Wilhelm im Dezember 1984
ein merklich abnehmendes Interesse an der Friedensarbeit in den Kirchengemeinden.
Dennoch sah Wilhelm die Friedensbewegung nicht auf dem Rückzug, sondern wertete
1984 als „ein Jahr der Reifung“ und ermunterte die Pax-Christi-Mitglieder des
Bistums Mainz zum Durchhalten: „Es hat sich gezeigt, dass die Arbeit für den
Frieden nur etwas für Langatmige ist, die nicht kurzfristig auf Erfolge
angewiesen sind. Dies gilt auch für Pax Christi.“[132] Trotz oder gerade wegen des Rückschlags durch den
Stationierungsbeginn stiegen die Mitgliederzahlen stetig an; Ende 1987 waren im
Bistum Mainz fast 300 Menschen in 13 Basisgruppen organisiert.[133]
Inhaltlich lenkte die Mainzer Bistumsstelle den Fokus der Friedensarbeit ab
1984 verstärkt auf die Versöhnungsarbeit, insbesondere mit den Staaten des
Ostblocks.[134] Die Bistumsstelle nahm
Kontakt mit verschiedenen Friedensgruppen der DDR auf, empfing polnische
Pilgergruppen und entsandte ihrerseits Pilger in die Sowjetunion.[135]
Außerdem war man bestrebt, die bestehende Friedensarbeit im Bistum stärker zu
vernetzen. Daher richtete die Diözese Mainz zusammen mit Pax Christi im Oktober
1984 ein Friedensbüro mit einem Vollzeitangestellten ein, um die ehrenamtlichen
Pax-Christi-Mitarbeiter zu entlasten.[136] Die Pax-Christi-Bistumsstelle Mainz engagierte sich über
die Bistumsgrenzen hinaus im Stationierungsgebiet der Marschflugkörper, dem
Hunsrück. Im November 1986 löste Clemens Ronnefeldt, Diplom-Theologe und
ausgebildeter Friedensarbeiter, Christian Wilhelm als Vorsitzenden von Pax
Christi im Bistum Mainz ab. Im selben Jahr zog er mit seiner Frau in den
Hunsrück, um die dortige Friedensbewegung vor Ort zu unterstützen. Ronnefeldt
und andere Mitglieder von Pax Christi halfen bei der Vorbereitung des
ökumenischen Friedensgebets, das jeden Sonntag vor der amerikanischen
Raketenstation „Pydna“ gehalten wurde. Dabei arbeiteten sie eng mit dem
Pfarrer-Ehepaar Dahl zusammen. Einzelne Pax-Christi-Mitglieder, unter ihnen
Clemens Ronnefeldt, beteiligten sich auch an „Aktionen zivilen Ungehorsams“ im
Hunsrück.[137] Nach Aussage Clemens Ronnefeldts ebbte das Engagement von
Pax Christi in der Friedensbewegung mit dem INF-Abkommen ab.[138]
Diese Entwicklung lässt sich anhand der Mitgliederzahlen von Pax Christi im
Bistum Mainz belegen. Nach dem Abschluss des INF-Vertrags stagnierten die
Mitgliederzahlen zum ersten Mal seit 1980. Zu Beginn des Jahres 1989 zählte man
in der Diözese wie Ende 1987 rund 300 Pax-Christi-Mitglieder.[139] Die
weiterhin Aktiven wandten sich anderen Aufgaben zu. Neue Themen wurden die
Konversionsfrage - was sollte mit den Liegenschaften werden, die nicht mehr
militärisch gebraucht wurden - oder der 2. Golfkrieg im Jahr 1990. So gründete
Clemens Ronnefeldt beispielsweise als Pax-Christi-Vorsitzender zusammen mit
drei anderen Personen die Initiative „Frieden am Golf“ und flog im November
1990 im Rahmen einer Friedensdelegation nach Bagdad.[140] Das
Engagement ging in anderen Bereichen weiter; der Schub, den die
Nachrüstungsdebatte Pax Christi verliehen hatte, konnte aber nicht ganz
beibehalten werden: Heute existieren im Bistum Mainz acht
Pax-Christi-Basisgruppen.[141] 3.3.2
Die „Graswurzelbewegung“ am Beispiel der Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) in
Trier
Ein
Beispiel, an dem sich die „Graswurzelbewegung“ in Rheinland-Pfalz beschreiben
lässt, ist die Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V. (AGF) in Trier. Im Jahr 1982
war die AGF nach Angaben der Berliner „Tageszeitung“ eine von „über 30
Friedensgruppen im Raum Trier-Eifel[142]“.
Gegründet wurde die AGF am 12. März 1979, noch neun Monate vor dem
NATO-Doppelbeschluss. Die Gründung ging zurück auf die „Ersten Trierer
Friedenswochen“, die nach dem Vorbild der Friedenswochen in den Niederlanden
vom 24. Oktober bis zum 30. Dezember 1978 unter dem Motto „Den Frieden
ermöglichen“ stattgefunden hatten und auf große Resonanz gestoßen waren. Etwa
6.500 Besucher hatten sich die insgesamt 24 Veranstaltungen von 15 Veranstaltern,
wie amnesty international, dem Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) der
Universität Trier, der Volkshochschule Trier und zahlreichen christlichen
Einrichtungen, angesehen. Aufgrund des bei den Friedenswochen erkannten
Interesses der Trierer Bevölkerung an Veranstaltungen zum Thema Frieden
gründete eine kleine Gruppe um Klaus Jensen, der schon die Trierer
Friedenswochen ins Leben gerufen hatte, am 12. März 1979 die
Arbeitsgemeinschaft Frieden. Jensen, damals Sozialplaner im Trierer Rathaus und
seit 1. April 2007 Oberbürgermeister der Stadt Trier, wurde zum ersten
Vorstandssprecher der AGF gewählt. Die AGF gliederte sich in vier
Arbeitskreise: Dritte Welt, Friedensdienste, Friedenspädagogik und
Friedenspolitik mit Aufrüstung als Schwerpunktthema (neben dem
Nahost-Konflikt). Für den Bereich „Engagement gegen (atomare) Aufrüstung und
regionale Militäranalyse“ war der
Politikwissenschaftler Thomas Zuche zuständig.[143]
Die
AGF gründete sich als „ein Zusammenschluß von Einzelmitgliedern und
Organisationen, die aktiv zu einem Frieden beitragen wollen, der mehr ist als
die Abwesenheit von Krieg“[144].
Zudem bekannte sie sich zum Prinzip der parteipolitischen Unabhängigkeit, der
Überkonfessionalität und der Gemeinnützigkeit. Parteien waren daher auch nie
Mitglied in der AGF. Persönliche Parteimitgliedschaften waren gleichwohl kein
Ausschlusskriterium. So traten vor allem SPD-Mitglieder und Grüne, aber auch
einige wenige CDU-Mitglieder der AGF bei.[145]
Mitglieder kommunistischer Parteien, wie der DKP oder der DFU, erwarben nach
Aussage Zuches nie eine Mitgliedschaft: „Sie verloren aufgrund der
überparteilichen Ausrichtung früh das Interesse an der AGF.“[146]
Politische Parteien und Gruppen aus dem linken Trierer Spektrum organisierten
sich stattdessen in der Trierer Friedenskoordination, die Anfang der 1980er
Jahre gegründet worden war, aber mit dem Beginn der Stationierung von Pershing
II und Marschflugkörper in Deutschland zerfiel.[147]
Im Laufe der Zeit professionalisierte sich die Arbeit der AGF. Im Jahr 1982
eröffnete der Verein ein Friedenszentrum in der Trierer Innenstadt, wo man sich
fortan traf, und stellte einen hauptamtlichen Friedensarbeiter ein. Hinzu kamen
1987 eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Bereich Friedenserziehung und 1988
eine Referentenstelle für Menschenrechtsarbeit.[148]
Ihr Engagement finanzierte die AGF aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Sie nahm
nach Angaben von Thomas Zuche zu keiner Zeit Spenden von Parteien an, um eine
politische Einflussnahme auszuschließen.[149] Christliche
Gruppen waren von Beginn an in der AGF vertreten. Unter anderem traten die
Katholische Akademie, die Katholische Jugendzentrale und die Katholische
Hochschulgemeinde bei. Katholische Gruppen blieben auch in der Folge im
Verhältnis zu protestantischen Gruppen stärker repräsentiert. Dies kann auf die
generelle numerische Überlegenheit der Katholiken in Trier zurückgeführt
werden. Die AGF hatte aufgrund der großen Beteiligung christlicher Gruppen früh
den Ruf, eine kirchennahe Gruppe zu sein. Hinzu kam, dass man sich zu Beginn
häufig im „Haus Fetzenreich“, in dem die Katholische Jugendzentrale und die
Katholische Hochschulgemeinde beheimatet waren, traf. Dem Ruf der Kirchennähe
widerspricht Thomas Zuche jedoch mit Verweis auf die überkonfessionelle
Ausrichtung der AGF.[150]
Gleichwohl wollte sich die AGF nicht nur im linken Spektrum angesiedelt wissen.
„Die AGF wollte sich immer zur Mehrheitsgesellschaft, zu bürgerlichen Kreisen
hin öffnen.“[151]
Dies brachten schon die Grußworte des Trierer Bischofs, eines evangelischen
Pfarrers und des Trierer Oberbürgermeisters in der Veranstaltungsschrift zu den
„Ersten Trierer Friedenswochen“ zum Ausdruck.[152] Wie
die meisten Graswurzelbewegungen war die AGF vor allem lokal oder höchstens
regional tätig. Sie wollte „globale Themen regional verorten“.[153]
Daraus ergaben sich Vor- und Nachteile: Zum einen erfreute sich die AGF großer
lokaler Popularität und arbeitete eng mit anderen regionalen Friedensgruppen
aus Bitburg oder dem Hunsrück zusammen. Zum anderen war die Arbeit der AGF aber
regional beschränkt; überregionale Kontakte gab es, abgesehen von einer Fahrt
nach Mutlangen, so gut wie keine. An Aktionskonferenzen der Friedensbewegung
beteiligte man sich nicht.[154] Ihren
Protest richtete die AGF gegen die Aufrüstungspolitik beider Blöcke; in einer
Stellungnahme zum Nachrüstungsbeschluss heißt es: „Die Arbeitsgemeinschaft
Frieden e.V. verurteilt gleichermaßen die beiderseitige Aufrüstung in Ost und
West, die schon jetzt zu einer lebensbedrohlichen Erhöhung der
Kriegswahrscheinlichkeit geführt hat.“[155]
Sie konzentrierte sich allerdings stärker auf die Rüstungspolitik des Westens,
da sie sich mehr Erfolg von einer Einflussnahme auf die eigene Regierung
versprach.[156] Die
AGF verstand sich nicht als reine Protestgruppe, sondern versuchte Alternativen
zur aktuellen Rüstungspolitik aufzuzeigen. So organisierte man gemeinsam mit
Pax Christi Trier im Januar und Februar 1982 eine Veranstaltungsreihe zum Thema
„Wege aus der Gefahr“, in der Experten wie Generalmajor Vollmer alternative
militärische Konzepte wie das der Defensivverteidigung präsentierten.[157]
Von November 1984 bis Januar 1985 wurden in einer Vortragsreihe „Alternative
Sicherheitskonzepte“ vorgestellt, unter anderem die Idee atomwaffenfreier
Zonen.[158] Die
Formen des Protests, welche die AGF wählte, sind beispielhaft für die Friedensbewegung
der 1980er Jahre in der Bundesrepublik. Zunächst gab es drei Schwerpunkte:
Informationen über die Stationierungsorte der Atomraketen zu beschaffen, diese
an die örtliche Bevölkerung weiterzugeben und mit Friedensgruppen aus anderen
Orten zusammen Aktionen zur Verhinderung der Stationierung zu veranstalten. Um
die Bundesregierung zur Preisgabe der Stationierungsorte zu bewegen, hielt die
AGF gemeinsam mit der Friedensinitiative Bitburg im November 1982 eine
einwöchige Mahnwache vor dem Bundesverteidigungsministerium in Bonn ab, die ein
bundesweites Medienecho fand.[159]
Zum Zweck der Bürgerinformation wurde im Oktober 1982 vom „AK Alternative
Sicherheitskonzepte“ eine eigene Zeitschrift mit dem Titel „Friedensforum“
herausgegeben, die Artikel wie beispielsweise
„Null-Lösung ohne Chance“ enthielt und sich mit der Notwendigkeit einer
blockübergreifenden Friedensbewegung („Polen und die Sowjetunion“)
beschäftigte. Das „Friedensforum“ erschien insgesamt noch zweimal (im Februar
1983 und im Oktober 1983) zum Preis von 30 Pfennig.[160]
Mit anderen Friedensgruppen aus der Eifel veröffentlichte man im April 1983
eine Zeitschrift mit dem Titel „Waffeneifel“, die Militär- und Atomanlagen in
der Region auflistete und sich mit „Kernenergie und Verteidigung“, „Tiefflug“
und „Gefahren der Atomwaffenlagerung“ auseinander setzte.[161]
Die
erste öffentliche Veranstaltung der AGF fand noch vor dem NATO-Doppelbeschluss
statt; an dem Empfang eines Atombombenopfers aus Hiroshima am 6. August 1979
aus Anlass des „Hiroshima-Tages“ nahmen 150 Menschen teil.[162]
Der NATO-Doppelbeschluss bescherte der AGF dann größere Aufmerksamkeit und mehr
Zulauf aus der Trierer Bevölkerung. So mietete die AGF zehn 50-Personen-Busse,
um zur ersten Großdemonstration der Friedensbewegung am 10. Oktober 1981 in
Bonn zu fahren. In der Folgezeit organisierte die AGF regelmäßig
Demonstrationen und Ostermärsche zusammen mit anderen lokalen
Friedensorganisationen, vor allem mit der Friedensinitiative Bitburg. Beim
Ostermarsch für Abrüstung 1982 in Bitburg mit Klaus Jensen als Hauptredner
beteiligten sich bereits 1.000 Menschen. [163] Einen zusätzlichen Schub verlieh der Trierer
Friedensbewegung die – wie sich später herausstellte – falsche Meldung im
„Stern“ vom 10. September 1982, alle 96 Marschflugkörper würden im 31 km
entfernten Bitburg stationiert.[164]
An der folgenden Friedensdemonstration, die im November 1982 in Bitburg
stattfand, nahmen 1.500 Bürger teil, und zum Ostermarsch 1983 in Bitburg
versammelten sich rund 2.000 Menschen unter dem Motto „Keine Atomraketen in
Bitburg und anderswo!“.[165]
Auch der „Arbeitskreis Atomrüstung“, der im März 1981 von Thomas Zuche
initiiert worden war, stieß mit mehr als 40 Mitarbeitern auf große Resonanz,
sodass 1982 ein zusätzlicher „Arbeitskreis Alternative Sicherheitskonzepte“ ins
Leben gerufen wurde, der bis 1984 Bestand hatte.[166] Im
Vorfeld des Stationierungsbeschlusses durch den Bundestag ging die AGF, wie die
Friedensbewegung in Deutschland generell, zu drastischeren Protestmaßnahmen
gegen die Nachrüstung über. Zunächst bereitete man sich in einem Friedenscamp
vom 5. August bis 10. September 1983 in Mauel bei Bitburg auf den „heißen
Herbst“ vor. Dort kamen Menschen aus dem Saarland, der Eifel und dem Ruhrgebiet
zusammen, die „der Latschdemos überdrüssig waren“,[167]
um sich in gewaltfreien Aktionen trainieren zu lassen. Zudem schlossen sich 13
Aktive der AGF am 6. August der internationalen Aktion „Fasten für das Leben“
an;[168]
sie wollten 572 Stunden – eine Stunde für jede Pershing II und jeden
Marschflugkörper, die laut NATO-Doppelbeschluss stationiert werden sollten –
ohne Nahrung verbringen.[169]
Am 2. und 3. September fand eine gewaltfreie Blockadeaktion an der US-Air Base
Bitburg statt, an der sich insgesamt 800 Menschen, am zweiten Tag auch
prominente Friedensaktivisten wie Petra Kelly und Gert Bastian, beteiligten.
Die AGF war dabei mit vielen Teilnehmern vertreten, rief aber im Vorfeld nicht
zur Teilnahme auf, da die Beteiligung an einer Blockade „auch angesichts
möglicher strafrechtlicher Folgen individuell verantwortet werden muss“.[170]
Tatsächlich wurden im Sommer 1984 Strafbefehle an über 260 Blockierer
verschickt.[171] Der
Beschluss des Bundestages zur Stationierung der Pershing II und der
Marschflugkörper am 22. November 1983 bedeutete für die AGF dann einen „Schock,
aber keinen Einbruch“.[172]
Das Engagement ging weiter, unter anderem in Form einer Beteiligung am Trierer
Rosenmontagszug 1986 und eines „Aktionstags gegen Militarisierung“ an der Porta
Nigra im Oktober 1986, an dem mit einer Dia-Show über die Rüstungssituation in
Rheinland-Pfalz aufgeklärt wurde. Außerdem rief die AGF zur Teilnahme an der
Großdemonstration in Hasselbach am 11. Oktober 1986 auf und organisierte Busse
für die Anreise.[173] Mit
dem Beginn der Entspannungspolitik zwischen den beiden Blöcken nahm das
Engagement in der AGF ab oder verlagerte sich hin zu anderen Themen. Der „AK
Abrüstung“ wurde 1988 in „AK Ost-West-Dialog“ umbenannt und eine Zusammenarbeit
mit dem Denstedter Friedenskreis und dem Weimarer Mittwochs-Kreis aufgenommen.
Im selben Jahr wurde ein Arbeitskreis zum Thema „Rüstungskonversion“ gegründet,
der Ideen zur zivilen Umwandlung militärischer Strukturen erarbeiten sollte.[174]
Die Mitgliederzahl sank von 450 in der Hochphase der AGF in den 1980er Jahren
bis heute auf 250.[175]
Der Grund dafür, dass die AGF heute noch immer besteht und nicht mit dem Beginn
der Abrüstung verschwand, liegt in ihrer Konzeption: Die AGF war keine
Ein-Punkt-Bewegung, das Engagement gegen die Stationierung von Atomwaffen immer
nur ein Teil ihrer Arbeit. Dennoch konnte kein Thema so viele Bürger zur
Mitarbeit in der AGF bewegen wie die Nachrüstung. 3.3.3 Das KOFAZ-Spektrum
Das KOFAZ-Spektrum war in Rheinland-Pfalz durch die
Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und DKP-Vorfeldorganisationen wie die
Deutsche Friedensunion (DFU) vertreten. Für die vorliegende Arbeit an
Informationen über die Aktivitäten der DKP innerhalb der Friedensbewegung in
Rheinland-Pfalz zu gelangen, gestaltete sich schwierig.[176] Da
es nicht möglich war, Zugang zu Archivmaterial der DKP Rheinland-Pfalz zu
bekommen, musste auf andere Quellen zurückgegriffen werden. DKP-Funktionäre arbeiteten in Rheinland-Pfalz, ebenso wie
auf Bundesebene, stark in anderen Organisationen mit. Die DKP musste sich
zwangsläufig auf die Arbeit in sogenannten Vorfeldorganisationen verlegen, da
sie bei Wahlen nur wenig Zuspruch fand; sie versuchte daher, durch finanzielle
Zuwendungen und die Mitarbeit ihrer Mitglieder in anderen Organisationen an
Einfluss zu gewinnen und so ihre politischen Ziele zu verfolgen.[177]
Rheinland-pfälzische DKP-Funktionäre waren im Ostermarschkreis Rheinland-Pfalz,
dem Wahlbündnis „Friedensliste“ und der Deutschen Friedensgesellschaft –
Vereinigte Kriegsdienstgegner (DFG-VK) tätig. Das Hauptaugenmerk der DKP lag
dabei auf der Organisation von Aktionen der Friedensbewegung, beispielsweise
von Ostermärschen oder Demonstrationen, und auf der Veröffentlichung von
Publikationen zur NATO-Nachrüstung. Die Kritik der DKP Rheinland-Pfalz bezog sich
ausschließlich auf die Amerikaner, denen die DKP die Hauptschuld am weltweiten
Aufrüstungsmarathon gab.[178]
Damit unterschied sich die DKP von anderen Gruppen des KOFAZ-Spektrums in
Rheinland-Pfalz. Die Forderungen der DKP Rheinland-Pfalz konzentrierten sich
auf die Offenlegung aller Stationierungsorte, die Verhinderung der Nachrüstung
und den Abzug aller Atomwaffen aus Rheinland-Pfalz.[179] Daher waren Funktionäre aus Organisationen, die der DKP
nahe standen, im Ostermarschkreis aktiv. Zu ihnen zählten unter anderem Marlies
Schläger, die Landesgeschäftsführerin der DFU Rheinland-Pfalz, die
DFG-VK-Landesvorsitzende Ulrike Julius und Fee Strieffler vom KOFAZ.[180] Der
Ostermarschkreis organisierte zusammen mit anderen rheinland-pfälzischen
Friedensgruppen die jährlichen Ostermärsche, an denen in den 1980er Jahren
Tausende Menschen gegen die Nachrüstung demonstrierten. Aufgrund der starken
Beteiligung von Funktionären aus dem KOFAZ-Spektrum im Ostermarschkreis
kursierte innerhalb der Friedensbewegung das Gerücht, das Ostermarsch-Büro,
welches in den 1980er Jahren in Mainz existierte, sei DKP-unterwandert.[181]
Jedoch waren auch Mitglieder der Grünen, der Jungsozialisten und der DGB-Jugend
sowie die evangelischen Pfarrer Horst Symanowski und Christa Springe im
Ostermarschkreis vertreten.[182] Ein Beleg für Publikationen der DKP durch eine andere
Organisation findet sich am Beispiel der „Friedensliste“. Die „Friedensliste“,
ein 1984 von Parteien und Personen aus dem linkspolitischen Spektrum
gegründetes Wahlbündnis mit Sitz in Bonn,[183]
unterhielt einen Landessprecherkreis in Rheinland-Pfalz, dem DKP-Funktionäre
angehörten. Die „Friedensliste“ veröffentlichte im August 1986 eine
Informationsschrift mit dem Titel „Rheinland-Pfalz: Waffenkammer der NATO.
Bedrohungskarte für jeden Kreis“, in dem die Militärstandorte in jedem
Landkreis in Rheinland-Pfalz aufgelistet waren.[184]
Eine nahezu identische Publikation mit dem selben Titel war drei Jahre zuvor,
im April 1983, vom Bezirksvorstand Rheinland-Pfalz der DKP herausgegeben
worden.[185] Diese erste
Veröffentlichung war um neue Informationen über Giftgas oder
US-Wohnungsprogramme in Rheinland-Pfalz erweitert worden; die Forderungen der
DKP zur einseitigen Abrüstung in Westdeutschland und Abrüstungsvorschläge der
Sowjetunion an die USA waren gestrichen worden. Für beide Publikationen
zeichnete Wolfgang Bartels, der im DKP-Bezirksvorstand von Rheinland-Pfalz saß
und dem Landessprecherkreis der „Friedensliste“ angehörte, verantwortlich.[186] Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte
Kriegsdienstgegner (DFG-VK) wird von Thomas Leif auf Bundesebene „nicht
unbedingt immer, aber halbwegs doch“[187] dem
KOFAZ-Spektrum zugerechnet. Diese Einschätzung muss für Rheinland-Pfalz weiter
differenziert werden. Dies liegt an der unterschiedlichen Zusammensetzung und
Ausrichtung der Landesverbände und Ortsgruppen. Die DFG-VK ist eine sehr
pluralistische Organisation und bezeichnet sich selbst als „Bindeglied zwischen
den unterschiedlichen Strömungen in der deutschen Friedensbewegung“.[188]
Aufgrund der Tatsache, dass in der DFG-VK unterschiedliche politische
Strömungen vertreten waren, wurden viele Konflikte der Friedensbewegung auch
innerhalb der DFG-VK ausgetragen.[189]
Ihre Landesverbände und Ortsgruppen arbeiteten weitgehend autonom. Neben dem
Landesverband, ansässig in Bad Kreuznach, existierten innerhalb von
Rheinland-Pfalz Ortsgruppen in Mainz, Bad Kreuznach, Trier und für die Region
Ahr-Rhein-Eifel.[190] Beim Bundesverband der DFG-VK bestand nicht nur eine
ideologische Nähe zur DKP, es gab auch eine aktive Einflussnahme: Wie im
Frühjahr 1990 bekannt wurde, erhielt die DFG-VK jahrelang von der DKP
finanzielle Zuwendungen.[191] Mit
diesem Geld waren Publikationen, die im DKP-Interesse lagen, finanziert und von
der DFG-VK veröffentlicht worden.[192]
Dies geschah laut Aussage der DFG-VK „ohne Wissen des überwiegenden Teils der
Verbandsgremien“ und „ohne dass die Organisation (...) finanziell oder
ideologisch abhängig gewesen wäre“.[193] Der
Landesverband Rheinland-Pfalz erhielt, nach Angaben der Ortsgruppe Mainz, im
Gegensatz zu anderen Landesverbänden keine finanziellen Zuwendungen von der
DKP.[194] Die Mainzer Gruppe lag, laut Aussage eines Aktiven der
DFG-VK Mainz, nicht auf der Linie der DKP; es gab keine DKP-Mitglieder
innerhalb der DFG-VK Mainz.[195] Die
plausible Erklärung: Etwa die Hälfte der Mainzer Aktiven stammte aus der DDR
und hatte kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit kommunistischen Gruppen.[196] In
anderen DFG-VK-Ortsgruppen hingegen, beispielsweise innerhalb der Bad
Kreuznacher Gruppe, waren DKP-Funktionäre vertreten;[197] Belege für die Distanz der Mainzer Ortsgruppe zur DKP und
zu deren Politik, keine Kritik an den Staaten des Ostblocks zu üben, finden
sich im „Friedlicht“, dem Informationsblatt der DFG-VK Mainz. Darin berichteten
die Mainzer Aktivisten über Friedensgruppen in der DDR, zu denen sie
persönliche Kontakte unterhielten.[198]
Zudem bot das „Friedlicht“ dem Friedensaktivisten und DDR-Dissidenten Achim
Dömel, der sich nach seiner Ausreise in Mainz niederließ, in einem Interview
Raum für Kritik am Umgang der DDR-Führung mit der dortigen Friedensbewegung.[199] In
weiteren Artikeln verurteilte die DFG-VK Mainz die Verhängung des Ausnahmezustands
in Polen 1981 und forderte beiderseitige Abrüstung in Ost und West.[200] Bei ihrem Engagement gegen die Nachrüstung und für ein
atomwaffenfreies Europa nutzte die DFG-VK Mainz verschiedene Aktionsformen: Sie
nahm an den Mainzer Friedenswochen teil, auf denen sie unter anderem zusammen
mit den Jungsozialisten eine Podiumsdiskussion zum NATO-Doppelbeschluss
veranstaltete.[201] Bei
Demonstrationen der Friedensbewegung in Bonn und in Hasselbach liefen Aktive
der DFG-VK mit;[202]
einzelne Mitglieder beteiligten sich zudem an „Aktionen zivilen Ungehorsams“,
wie der Blockade eines atombombensicheren Bunkers der NATO in Kindsbach bei
Ramstein am 2. Juni 1981.[203] Der zweite Arbeitsschwerpunkt der DFG-VK, neben der
Zurücknahme der Nachrüstung, bestand in der „Kampagne zur massenhaften
Kriegsdienstverweigerung“[204].
Der Kriegsdienstverweigerung in der Bundesrepublik und in anderen Ländern wie
der DDR und Griechenland widmete sich das „Friedlicht“ in mehreren Ausgaben.[205]
Auch bei Veranstaltungen der Friedensbewegung thematisierte die DFG-VK Mainz
die Totalverweigerung, beispielsweise durch eine „Scheinverhandlung“ gegen
einen Kriegsdienstverweigerer.[206] Das
Ziel der DFG-VK war es, das Thema Kriegsdienstverweigerung „zum Anliegen der
gesamten Friedensbewegung“[207] zu
machen. Dies gelang ihr nach eigenem Bekunden in Rheinland-Pfalz ebenso wenig
wie auf Bundesebene.[208] Für
das Recht auf Totalverweigerung fand sich kein breites Bündnis wie gegen die
Nachrüstung; das Thema, mit dem sich die DFG-VK von anderen Friedensgruppen
hätte abheben können, ging im Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss unter.
Daher „zeigte die DFG-VK in der breiten Anti-Raketenbewegung (...) wenig
eigenständiges Profil“[209].
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3.3.4
Die Sozialdemokraten
Das Spektrum der Sozialdemokraten wurde in Rheinland-Pfalz
durch die Sozialdemokratische Partei
Deutschlands (SPD) und den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) repräsentiert.
Hinzu kamen die jeweiligen Jugendorganisationen der Jungsozialisten (Jusos) und
der DGB-Jugend. Die rheinland-pfälzische SPD hatte ein ambivalentes Verhältnis
zur Friedensbewegung. Das Dilemma, in dem die SPD steckte, war in
Rheinland-Pfalz als dem Bundesland mit der größten NATO-Militärpräsenz und dem
Stationierungsort aller 96 Marschflugkörper in der Bundesrepublik besonders
ausgeprägt: Einerseits hatte eine SPD-Regierung unter Bundeskanzler Helmut
Schmidt den NATO-Doppelbeschluss auf den Weg gebracht, andererseits standen
nicht unerhebliche Teile der SPD und ihrer Wählerschaft der Nachrüstung
ablehnend gegenüber. Daher befanden sich viele Genossen in einem Zwiespalt, den
Joachim Mertes, heute Landtagspräsident von Rheinland-Pfalz, folgendermaßen
charakterisiert: „Zum einen unterstützte man den von Helmut Schmidt initiierten
NATO-Doppelbeschlusses, den man für strategisch richtig hielt, zum anderen hatte
man Verständnis für die Gefühlslage und die Ängste der Menschen.“[210] Im Gegensatz zu den Grünen, deren Wählerpotential
eindeutig in den Kreisen der Nachrüstungsgegner lag und die sich als Partei der
Friedensbewegung anschlossen, gab es zur Position der SPD zum
NATO-Doppelbeschluss und zur Friedensbewegung innerparteilich keinen Konsens.
Die rheinland-pfälzische SPD solidarisierte sich mit Teilen der
Friedensbewegung und unterstützte deren Anliegen, beispielsweise schloss sich
die SPD-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag dem Appell des
DGB-Bundesvorstands zur Friedens- und Abrüstungspolitik, der die Forderung nach
einem Verzicht auf die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in
Ost und West enthielt, an.[211] Eine aktive Mitarbeit des SPD-Landesverbandes
in der Friedensbewegung fand nicht statt; die Beteiligung der SPD in der
Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz bestand im wesentlichen aus dem Engagement
der Jungsozialisten und linker Sozialdemokraten. So arbeiteten SPD-Mitglieder
in lokalen Friedensinitiativen wie der AGF in Trier (vgl. Kapitel 3.3.2) und in
der Hunsrücker Friedensbewegung (vgl. Kapitel 4.3.2) mit. Als gegen Mitglieder der Hunsrücker Friedensbewegung ein
Verfahren wegen „sicherheitsgefährdenden Abbildens“ eines Bauplans des Stationierungsorts
bei Hasselbach eingeleitet wurde, erklärten sich die Jungsozialisten
Rheinland-Pfalz und Joachim Mertes, Abgeordneter des Rhein-Hunsrück-Kreises,
mit den Friedensaktivisten solidarisch. Die Jungsozialisten verurteilten die
Ermittlungen als „Versuch der Kriminalisierung der Friedensbewegung durch die
Justiz“ und führten Solidaritätsaktionen wie das öffentliche Verteilen des
Bauplans durch.[212]
Joachim Mertes warf der Staatsanwaltschaft „Unverhältnismäßigkeit der Mittel“
vor und verteilte Kopien des Bauplans in seinem Bürgerbüro, in einer Sitzung im
Simmerner Kreistag und an die SPD-Fraktion im Mainzer Landtag.[213] Die rheinland-pfälzische SPD unterstützte Demonstrationen
und Ostermärsche der Friedenbewegung.[214]
„Aktionen zivilen Ungehorsams“ wie Blockaden der NATO-Baustelle in Hasselbach
lehnte die SPD-Landtagsfraktion, im Gegensatz zu den Jungsozialisten, die zur
Teilnahme an den Blockaden aufriefen, ab.[215] Der
SPD-Landesvorsitzende und Oppositionsführer im Mainzer Landtag, Rudolf
Scharping, erklärte, die Friedensbewegung „müsse ihre Mittel so wählen, dass
andere von ihren Zielen überzeugt und nicht abgeschreckt würden“.[216] Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fällt bei Thomas
Leifs Darstellung der Gruppen des Koordinationsausschusses unter die Rubrik
„Sozialdemokraten“. Für Rheinland-Pfalz trifft diese Einordnung ebenfalls zu,
da der sozialdemokratische Flügel dominant und der christlich-soziale Flügel im
rheinland-pfälzischen DGB nur schwach vorhanden war.[217] In
der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz nahm der DGB, nicht zuletzt durch
seinen Vorsitzenden Julius Lehlbach, eine außerordentlich gewichtige Rolle ein. Es wäre sicherlich falsch, die Friedensarbeit des
rheinland-pfälzischen DGB alleine an der Person Julius Lehlbachs festzumachen;
dennoch war er eindeutig die tragende Persönlichkeit des DGB-Engagements gegen
die Nachrüstung. Er war von 1965 bis 1986 und damit während der Hochphase der
Friedensbewegung Landesbezirksvorsitzender des DGB Rheinland-Pfalz und gab dem
Gewerkschaftsprotest gegen die Nachrüstung ein Gesicht. Lehlbach setzte sich
zudem an die Spitze derer, die gegen die Lagerung von Giftgas durch die
Amerikaner in der Pfalz aktiv wurden; unter seiner Führung reichte der DGB
dagegen Klage beim Bundesverfassungsgericht ein. Auch war Lehlbach zur Zeit der
Friedensbewegung bereits eine profilierte Persönlichkeit in Rheinland-Pfalz,
sein Wort hatte Gewicht. Die generelle Bedeutung des DGB-Landesvorsitzenden
lässt sich an einem Seitenhieb des ehemaligen Ministerpräsidenten von
Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, in Richtung SPD ablesen, der folgendermaßen
überliefert wird: „Die eigentliche Opposition im Lande heiße sowieso nicht SPD,
sondern Julius Lehlbach.“[218] Um Julius Lehlbachs Leidenschaft, mit der er gegen die
Nachrüstung eintrat, zu verstehen, bedarf es eines Blicks auf seine Biographie.
Lehlbach, Jahrgang 1922, diente im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront und
überlebte den Krieg schwer verwundet unter Verlust seines rechten Beines.[219] Mit
seinem Engagement in der Friedensbewegung wollte er mithelfen, weitere Kriege
solchen oder schlimmeren Ausmaßes zu verhindern.[220]
Bereits vor dem NATO-Doppelbeschluss fragte Lehlbach auf der Kundgebung zum
Antikriegstag am 1. September 1979 in Mainz: „Wo sind die Parteien und wo ist
der Staat, der die Bevölkerung darüber aufklärt, dass diese Bundesrepublik
atomares Vorfeld in den strategischen Plänen unserer Freunde und unserer
potentiellen Gegner ist und welch tödliche Konsequenzen dies für uns alle haben
muss?“[221] Nach dem NATO-Doppelbeschluss gehörte Lehlbach von Beginn
an zu der neu erwachenden Friedensbewegung und war über die Landesgrenzen
hinaus in Diskussionsrunden und als Redner auf Kundgebungen aktiv. Der
Rechtfertigung des Doppelbeschlusses, durch Aufrüstung gäbe es einen Zuwachs an
Arbeitsplätzen, widersprach der Gewerkschaftsmann entschieden. Er warnte davor,
den „Rüstungsabbau zur Arbeitsmarkt- oder Arbeitsplatzfrage“[222] zu
machen. Stattdessen forderte er, die Gelder, die in die Rüstung investiert
würden, für zivile Zwecke zu nutzen und Stellenabbau bei der Abrüstung durch
die Umwandlung von Militärindustrie in zivile Industrie zu verhindern.[223]
Kritik erntete Lehlbach von Seiten des Ministerpräsidenten. Bernhard Vogel
bezeichnete Lehlbachs Haltung in der Frage von Rüstung und Arbeit als „ein
wenig schizophren, weil Lehlbach ja der Erste war, der wieder protestiert hat
gegen den Abbau von Arbeitsplätzen bei den amerikanischen Streitkräften.“[224] Unter Lehlbach machte der DGB-Landesbezirk Rheinland-Pfalz
den Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss zu einem seiner Hauptthemen. Der
alljährliche Antikriegstag am 1. September in Mainz stand in den 1980er Jahren
fest im Zeichen der Nachrüstung. Der Protest des DGB nahm zu, je näher die
Abstimmung über den Doppelbeschluss im Bundestag rückte, was sich an der
Auswahl der Redner, die neben dem Vorsitzenden Julius Lehlbach auftraten,
ablesen lässt. 1980 sprach der Mainzer Kulturdezernent und Historiker Anton
Maria Keim.[225] Im Jahr darauf kam mit dem Präsidenten der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau, Pfarrer Helmut Hild, erneut ein Redner aus dem
bürgerlichen Milieu zum Antikriegstag, der unter dem Motto „Die Welt braucht
Frieden – den nächsten Krieg gewinnt der Tod“ stand.[226] Mit
dem Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine trat 1982 ein
Nachrüstungskritiker aus dem linken Spektrum der SPD und mit dem
Friedensforscher Alfred Mechtersheimer 1983 einer der bundesweit
profiliertesten Gegner der Nachrüstung in Mainz als Redner auf.[227]
Rund 5.000 Menschen nahmen nach Angaben des DGB an der zentralen Veranstaltung
des Landesbezirks in Mainz teil; mehr als 9.000 waren es in Rheinland-Pfalz
beim Antikriegstag 1983 insgesamt.[228] Wie viele andere Friedensaktivisten richtete Lehlbach
seine Kritik zuerst auf die Politik und an die Politiker des Westens, die er
durch provokante Reden zu beeinflussen suchte. Dies führte zu heftigen
Protesten von Seiten der CDU. Angesichts der bevorstehenden Abstimmung im
Deutschen Bundestag wurde der Ton in Lehlbachs Antikriegstags-Rede 1983 spürbar
schärfer. In Richtung der USA formulierte Lehlbach: „Die Amerikaner halten uns
offenbar für so eine Art Gladiatorentruppe, die jederzeit bereit ist, für sie
zu sterben.“[229] Der Mainzer
CDU-Kreisvorsitzende Johannes Gerster antwortete Lehlbach beim Kreisparteitag
daraufhin: „Nicht die USA gefährden (...) unser Leben und unsere Freiheit, sondern der
Kommunismus.“[230] Da Lehlbach
Bundeskanzler Helmut Kohl mit den Worten „Dem Herrn Dr. Kohl, dem das Wort
Patriotismus so leicht über die Zunge geht, sei gesagt, dass nicht der ein
Patriot ist, der sein Vaterland direkt zur Vernichtung anbietet“[231]
attackierte, weigerte sich der CDU-Kreisverband Ludwigshafen, künftig an
Veranstaltungen mit dem DGB-Landesvorsitzenden teilzunehmen.[232] Die
Kritik des CDU-Landtagsabgeordneten Heinz-Georg Diehl, er habe durch seine Rede
den Antikriegstag ins Gegenteil verkehrt, wies Lehlbach wiederum unter Verweis
auf seine pazifistische Prägung als Versehrter des Zweiten Weltkriegs als
„infam“ zurück.[233] In seinen Reden übte Lehlbach generell Kritik an der
atomaren Hochrüstung. Gleichwohl kritisierte er die atomare Rüstungspolitik des
Ostblocks weniger als die des Westens: Mit der Stationierung der SS-20 habe die
Sowjetunion lediglich den Vorwand für die NATO-Nachrüstung geliefert, so
Lehlbach 1983.[234]
Daher musste er sich den Vorwurf von Seiten der CDU gefallen lassen, zu den
„nützlichen Idioten der Sowjetunion“[235] zu
gehören. Diese Anschuldigungen wies Lehlbach entschieden zurück: „Dies ist der
alte Nazi-Jargon, mit dem alle, die gegen den Krieg aufgemuckt haben, als
Defaitisten, nützliche Idioten oder fünfte Kolonne Moskaus denunziert wurden.“[236] Die Beteiligung des DGB
an der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz beschränkte sich nicht auf die
Antikriegstage. DGB und DGB-Jugend riefen regelmäßig zur Teilnahme an
Ostermärschen auf und entsandten Redner zu den Kundgebungen. Bei Ostermärschen
im Hunsrück war der DGB-Landesbezirk mit hochrangigen Funktionären beteiligt.
In den Jahren 1984 bis 1986 traten die DGB-Landesbezirksjugendsekretärin Lilo
Rademacher, der Vorsitzende Julius Lehlbach und sein Stellvertreter und Nachfolger
Heinz Andersch als Redner auf.[237] Das positive Votum des Bundestags zur Nachrüstung
bedeutete nicht das Ende des DGB-Engagements. Auch in den folgenden Jahren nahm
der DGB-Landesbezirk an Ostermärschen teil und forderte auf den jährlichen
Antikriegstagen den Abzug der Mittelstreckenraketen.[238]
Über die Teilnehmerzahlen findet sich kein Nachweis in den Akten des DGB. In
einem Brief an Heinz Andersch, der 1986 den Vorsitz des DGB-Landesbezirks von
Julius Lehlbach übernahm, berichtete die DGB-Jugend lediglich von gestiegenen
Teilnehmerzahlen beim rheinland-pfälzischen Ostermarsch des Jahres 1986 in
Hasselbach.[239] Auch an der
Großdemonstration in Hasselbach im Oktober 1986 war der DGB beteiligt. Heinz
Andersch rief als Vorsitzender im Vorfeld alle Gewerkschaftsmitglieder zur
Teilnahme auf; als Redner auf der Abschlusskundgebung trat
IG-Metall-Vorstandsmitglied Horst Klaus auf.[240] Bei
vielen Aktionen der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz fungierte der
DGB-Landesbezirk als Geldgeber: An den Kosten für die rheinland-pfälzischen
Ostermärsche 1986 und 1987 und der Friedenskundgebung in Hasselbach 1987
beispielsweise beteiligte man sich jeweils mit über 1.000 DM.[241] Nach dem INF-Vertrag ging das Friedensengagement beim DGB
zurück. Während die Dokumentation von Aktionen und Veranstaltungen zum Thema
„Frieden und Abrüstung“ von 1979 bis 1987 mehr als vier Ringbuchordner
einnimmt, findet sich zu den Jahren 1988 bis 1991 nicht einmal ein halber
Ordner mit Material.[242]
Zwar veranstaltete der DGB weiterhin Antikriegstage am 1. September und rief
zur Teilnahme an Ostermärschen auf, doch konnten Themen wie Tiefflug und der
Krieg am Golf nicht die gleiche Anziehungskraft entwickeln wie die Nachrüstung.
So schlug der Nachfolger Heinz Anderschs als Vorsitzender, Dieter Kretschmer,
urlaubsbedingt die Einladung aus, am rheinland-pfälzischen Ostermarsch 1988 in
Kaiserslautern als Redner aufzutreten – ein Verhalten, das während der
Hochphase der Friedensbewegung undenkbar gewesen wäre.[243] Bundesweite Bedeutung
erlangte der DGB-Landesbezirk Rheinland-Pfalz im Kampf gegen Giftgas. Da das
Thema der vorliegenden Arbeit die Friedensbewegung gegen die (atomare)
Nachrüstung ist, würde eine ausführliche Darstellung des DGB-Engagements gegen
die Lagerung chemischer Waffen in der Bundesrepublik den Rahmen sprengen.
Dennoch soll es nicht unerwähnt bleiben. Im Kampf gegen C-Waffen, die im
Vergleich zur atomaren Nachrüstung in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fanden,
sah Julius Lehlbach die Chance, sich über die Landesgrenzen hinaus zu
profilieren.[244] In Briefwechseln mit dem
Bundeskanzleramt und mit Ministerpräsident Bernhard Vogel machte sich Lehlbach
für den Abtransport des Giftgases aus der Pfalz stark. Der Protest gipfelte in
einer auf Artikel 2 des Grundgesetzes gestützten Beschwerde betroffener Anwohner
beim Bundesverfassungsgericht, die vom DGB-Landesbezirk initiiert und
finanziert wurde.[245] Der
Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts wies die Beschwerde am 29. Oktober
1987 als unbegründet ab.[246] Dennoch war es dem DGB Rheinland-Pfalz
gelungen, das Thema Giftgaslagerung in der Pfalz über die Landesgrenzen hinaus
publik zu machen.
Blog: Frieden braucht Bewegung 3.3.5
Die Grünen
Die rheinland-pfälzische Landespartei „Die Grünen“ wurde
am 30. September 1979 und damit noch vor der Bundespartei gegründet.[247] Die
Grünen versuchten von Beginn an, sich als „parlamentarischer Arm“ der
Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz zu etablieren. Im Landesprogramm von 1982
heißt es: „Die Grünen verstehen sich als Teil dieser Bewegung und werden deren
Forderungen in den Parlamenten vertreten.“[248]
Ihre Wahl verknüpften die Grünen mit dem Versprechen, gegen die Nachrüstung zu
stimmen: „Die Entscheidung für die Grünen am 6. März bedeutet die einzige
wirksame Stimme gegen die Stationierung der NATO-‚Nachrüstungsraketen’.“[249]
Dennoch verpassten die Grünen bei der Landtagswahl 1983 mit 4,5 Prozent knapp
den Einzug ins Landesparlament in Mainz. Bei der Bundestagswahl im gleichen
Jahr gelang ihnen mit 5,6 Prozent der Einzug in den Bundestag. Die
rheinland-pfälzischen Grünen stellten ihren ersten Bundestagsabgeordneten; nicht
von ungefähr war es mit Roland Vogt einer der Protagonisten der bundesdeutschen
Friedensbewegung.[250]
Erst verhältnismäßig spät – 1987 mit 5,9 Prozent der Stimmen – schafften es die
Grünen, in den Mainzer Landtag einzuziehen. Bezogen auf den Landtag kann man
das Engagement der Grünen in Rheinland-Pfalz in der Hochphase der
Friedensbewegung daher nicht als das eines „parlamentarischen Arms“ bezeichnen.[251] Bis zu ihrem Einzug in den Landtag konzentrierte sich das
friedenspolitische Engagement der Grünen auf den, wie es der
rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Willi Tatge bei einer Demonstration in
Kaiserslautern ausdrückte, „außerparlamentarischen Kampf gegen den
Rüstungswahnsinn“.[252]
Dabei wählte die junge Partei die gängigen Methoden der Friedensbewegung der 1980er
Jahre: Die Grünen beteiligten sich an symbolischen Aktionen gegen die
Nachrüstung wie Demonstrationen und Ostermärschen.[253] Roland
Vogt nutzte seine Bekanntheit als Bundestagsabgeordneter und schloss sich im
September 1983 der internationalen Aktion „Fasten für das Leben“ an, um auf
diesem Weg „erste atomare Abrüstungsmaßnahmen“ zu erzwingen.[254] Für
eine politische Partei gingen die Grünen in ihrem Protest sehr weit, indem sie „zu
zivilem Ungehorsam gegen die ‚Nach’-Rüstung“[255]
aufriefen. Sie betrachteten „gewaltfreien Widerstand, beispielsweise Blockaden,
als geeignetes Mittel des zivilen Ungehorsams“[256] und
versprachen den Blockierern „Flankenschutz“ vor den Gerichten und im Parlament.[257]
Außerdem veranstalteten sie Informationsseminare zum Thema „Gewaltfreier
Widerstand: Verfassungsschutz oder Nötigung?“, in denen Referenten über die
Rechtsstaatlichkeit und mögliche strafrechtliche Konsequenzen des „zivilen
Ungehorsams“ referierten.[258] Zudem versuchten die Grünen die Ökologiebewegung und die
Friedensbewegung, die beiden Bewegungen, aus deren Vertretern die Grüne Partei
entstanden war, stärker miteinander zu verbinden und sich den Aktivisten als parteipolitische Heimat anzubieten.[259] So
integrierten die Grünen die Forderungen der Friedensinitiative Bitburg und der
Arbeitsgemeinschaft Frieden aus Trier, die für eine Offenlegung der
Stationierungsorte eintraten, in ihr Landesprogramm von 1982.[260]
Darin forderten die Grünen keine Stationierung neuer ABC-Waffen und den Abzug
aller bestehenden Atomwaffen aus Rheinland-Pfalz. Dem damit verbundenen Abbau
an Arbeitsplätzen, die vom Militär abhingen, wollten sie durch die Umwandlung
in zivile Arbeitsplätze begegnen; konkrete Pläne konnten sie allerdings noch
nicht vorweisen.[261] Konflikte der Grünen mit Vertretern des KOFAZ-Spektrums
gab es nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in Rheinland-Pfalz. Der
rheinland-pfälzische Landesverband der Grünen richtete seine Kritik schon vor
dem aufsehenerregenden Austritt der bundesweit bekanntesten Grünen
Friedensaktivisten Petra Kelly und Gert Bastian aus der „Krefelder Initiative“
im Februar 1984[262] an
die Adresse beider Supermächte, der USA und der Sowjetunion. In seiner
„Friedensrede“ betonte der Landesvorsitzende Willi Tatge 1982 die Solidarität
der Grünen mit der polnischen Solidarnosc-Bewegung, die durch die Ausrufung des
Kriegsrechts in Polen unterdrückt wurde, und der kirchlichen Friedensbewegung
in der DDR.[263] Tatges Appell an die
bundesdeutsche Friedensbewegung, sich nicht „von irgendwelchen Gruppierungen
missbrauchen (zu) lassen“,[264] ist
in diesem Zusammenhang als Seitenhieb in Richtung der kommunistischen Parteien
innerhalb der Friedensbewegung zu verstehen, die Kritik an der Sowjet-Politik
zu unterdrücken versuchten. Bei ihrem friedenspolitischen Engagement in
Rheinland-Pfalz gerieten die Grünen immer wieder in den Konflikt zwischen der
Abspaltung von Teilen der Friedensbewegung einerseits und der Zusammenarbeit
mit kommunistischen Gruppen und der damit verbundenen Selbstzensur zu Kritik am
Sowjetregime andererseits. So geschah es auch bei den Planungen zum 150.
Jahrestag des „Hambacher Festes“ von 1832. Aus der Zusammenarbeit verschiedener
Friedensgruppen in der „Initiative Krefelder Appell Rheinland-Pfalz“ war die Idee entstanden, ein „Hambacher Fest
1982“ als Gegenentwurf zum Jubiläumsfest der rheinland-pfälzischen
Landesregierung zu veranstalten.[265] Mit
dem Fest wollten die Friedensinitiativen „auf die Lösung unerledigter Probleme
der Nation drängen“.[266] Im
sogenannten „Hambacher Aufruf“ vom Dezember 1981 baten die Initiatoren, unter
ihnen Willi Tatge als Grünen-Landesvorsitzender, andere rheinland-pfälzische
Friedensgruppen um Unterstützung.[267] Der Landesvorstand der Grünen wusste im Vorfeld der
Planungen, dass Kompromisse über die politischen Aussagen des Festes gemacht
werden mussten, da die DKP über andere Gruppen wie die VVN-BdA beteiligt war.
Daher plante der Landesvorstand ein eigenes „Grünes Hambacher Fest“, auf dem
Stellungnahmen zur Verbindung von Ökologie und Frieden und zur Situation in
Polen abgegeben werden sollten. Allerdings wollte man sich auch am „Hambacher
Fest“ der rheinland-pfälzischen Friedensinitiativen beteiligen, um ein „Zeichen
einer Fundamentalopposition“[268] in
Deutschland zu setzen. Dennoch zogen die Vertreter der Grünen und des
Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) im März 1982 ihre
Unterschriften vom „Hambacher Aufruf“ zurück. Der Grund war, dass sich die
Mehrheit der Friedensinitiativen innerhalb des Vorbereitungskreises, darunter
DFU- und DKP-Vertreter, – wie Roland Vogt als Bundesvorstandsmitglied der
Grünen und des BBU betonte – weigerte, einen Vertreter der polnischen
Solidarnosc-Bewegung bei der 150-Jahr-Feier zu Wort kommen zu lassen.[269]
Vogt, der den „Hambacher Aufruf“ selbst nicht unterzeichnet hatte, sah in
dieser Weigerung eine Art von „Geschichtsfälschung“, da „Polen beim
historischen Hambacher Fest vor 150 Jahren wegen des Freiheitskampfes gegen die
zaristische Besatzung (...) unter den Festrednern einen Ehrenplatz“[270]
eingenommen habe. Der Einfluss der Grünen mit ihrem Konzept einer blockübergreifenden
Friedensbewegung machte sich auch bei Demonstrationen bemerkbar. Wie ein Aktiver
der DFG-VK Mainz im Interview berichtet, sorgten die Grünen für eine
Pluralisierung der Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz, sie verschoben das
Kräfteverhältnis innerhalb der Bewegung: „Während Ende der 70er Jahre
DFG-VK-Mitglieder wegen Kritik an der UdSSR von DKP-Leuten aus Demonstrationen
gedrängt wurden, war dies, nachdem es die Grünen gab, undenkbar. Kritik an der
Sowjet-Politik auf Friedensdemonstrationen war nun möglich.“[271] Nach dem Beginn der Marschflugkörper-Stationierung blieben
die Grünen bei ihrer Forderung nach einem Abzug aller ABC-Waffen aus
Rheinland-Pfalz. Allerdings blieb das Scheitern der Friedensbewegung bei der
Verhinderung der Nachrüstung nicht ohne Einfluss auf die Landespartei. Der
„Grüne Rheinland/Pfälzer“, die Zeitung der Grünen in Rheinland-Pfalz, titelte
im Oktober 1984: „Die Friedensbewegung eine Sackgasse?“[272]
Weiterhin setzten sich die Grünen mit den Folgen der Nachrüstung auseinander
und engagierten sich gegen die hohe Militär- und Atomwaffenpräsenz in
Rheinland-Pfalz.[273] Als die Grünen 1987 in den rheinland-pfälzischen Landtag
einzogen, hatte international bereits Tauwetter eingesetzt; Ende des Jahres
wurde der INF-Vertrag unterzeichnet. Daher trat nun die Frage, wie man dem
Abbau von Arbeitsplätzen bei der militärischen Abrüstung begegnen sollte, in
den Vordergrund. Eine Lösung des Problems der wirtschaftlichen Abhängigkeit des
Landes Rheinland-Pfalz vom Militär sahen die Grünen in der sogenannten
„regionalen Konversion“, dem zivilen Umbau der Region durch Subventionierung
nichtmilitärischer Arbeitsplätze.[274] Die
Idee der „regionalen Konversion“, an der eine Projektgruppe um Roland Vogt seit
Mitte der 1980er Jahre arbeitete,[275]
brachte die Grüne Landtagsfraktion in einem ihrer ersten Anträge in den Landtag
ein.[276] Dem eigenen Anspruch, als „parlamentarischer Arm“ der
Friedensbewegung zu fungieren, konnten die Grünen erst ab 1987 gerecht werden:
Die Grüne Landtagsfraktion engagierte sich für die Friedensbewegung, indem sie
in Anfragen an das Innenministerium die Rechtmäßigkeit der polizeilichen bzw.
verfassungsschutzmäßigen Beobachtung von Friedensinitiativen und
Ostermarsch-Teilnehmern prüfen ließ.[277]
Außerdem setzten sich die Grünen im Landtag und in einem Gespräch mit
Justizminister Peter Caesar für die
Teilnehmer von Blockaden, die polizeilich erfasst und teilweise zu
Geldbußen/-strafen oder Haftstrafen verurteilt worden waren, ein.[278] Auf
einen Antrag der Grünen-Fraktion hin erklärte der Landtag Rheinland-Pfalz am 9.
Mai 1990 sein Bedauern darüber, dass Teilnehmer von friedlichen Blockaden „über
Jahre mit Kriminalisierung, Haft und hohen Geldbußen für eine politisch
wichtige Arbeit bestraft wurden“ und dankte „den Mitgliedern der
Friedensbewegung für die Arbeit, die sie freiwillig und ehrenamtlich im
Interesse unseres Landes geleistet haben“.[279]
Blog: Frieden braucht Bewegung |
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4 Die Friedensbewegung im Hunsrück
4.1 Militärische Präsenz im
Hunsrück
Der Hauptschauplatz der Friedensbewegung in
Rheinland-Pfalz befand sich im Hunsrück: Die NATO-Militäranlage „Pydna“, die
als Basis für alle 96 atomaren Marschflugkörper, die im Zuge des
NATO-Doppelbeschlusses in Deutschland stationiert werden sollten, vorgesehen
war. In und um den Hunsrück gab es in den 1980er Jahren mehr als 60 militärische
Anlagen der NATO, der USA, Frankreichs und der Bundeswehr; rund 17.000
ausländische Soldaten waren hier stationiert. Entlang der Bundesstraße 327, der
Hunsrückhöhenstraße, fanden sich zwischen Koblenz und Hermeskeil zahlreiche
große und kleine militärische Einrichtungen.
Die größte Militäranlage im Hunsrück bildete der US-Flugplatz Hahn, auf
dem das 50. Taktische Jagdgeschwader der US-Luftwaffe und etwa 5.000 Soldaten
stationiert waren.[280]
Weitere wichtige Militäranlagen in der Region waren das Bundeswehrdepot Kappel,
in dem die Feuerleitstand- und Lafettenfahrzeuge für die Marschflugkörper bis
zur Fertigstellung der „Pydna“ zwischengelagert wurden, und das
„Kriegshauptquartier der Alliierten Streitkräfte Europa Mitte in der Anlage
Erwin“, eine unterirdische Bunkeranlage bei Birkenfeld.[281] Bei der Raketenstation mit dem Codenamen „Pydna“ – der
Name nimmt Bezug auf die Schlacht zwischen Makedoniern und Römern nahe der
makedonischen Hafenstadt Pydna im Jahr 168 v. Chr. – handelte es sich um eine
ehemalige Basis für Nike-Herkules-Raketen,[282]
genannt „B-Battery“, unweit der
Kleinstadt Kastellaun in der Nähe des Dorfes Hasselbach gelegen.[283] Die
alte Nike-Herkules-Raketenstellung wurde in den 1980er Jahren für 250 Millionen
DM umgebaut und zur damals größten neuen Nuklearwaffenbasis der NATO erweitert.[284] Die
Anlage gliederte sich in drei Bereiche: Verwaltungsbereich,
Unterstützungsbereich und Schutzbautenbereich. Sechs atomsichere Bunker wurden
für die Atomraketen errichtet, hinzu kamen eine Instandsetzungswerkstatt, ein
Depot für die Atomsprengköpfe und Kasernen für die insgesamt 1.300 Soldaten des
38. Taktischen Flugkörpergeschwaders der US-Luftwaffe.[285] Das
38. Flugkörpergeschwader gehörte zu den taktischen Einsatzverbänden der NATO.
Es bestand aus sechs Staffeln mit je 16 Flugkörpern und trat am 17. April 1985
mit zunächst 800 Mann seinen Dienst auf der „Pydna“ an.[286] Solange die Baumaßnahmen andauerten,
wurden die Marschflugkörper am Militärflughafen Hahn zwischengelagert. Die
„Pydna“ sollte ursprünglich Ende 1986 fertiggestellt werden; der Termin konnte
jedoch nicht eingehalten werden.[287] Ab
Januar 1986 begann die Stationierung der Marschflugkörper; die geplante Zahl
von 96 Raketen wurde allerdings nie erreicht. Die Abrüstungsverhandlungen
zwischen Moskau und Washington, die den INF-Vertrag zum Ergebnis hatten,
führten dazu, dass die Raketen ab 1988 wieder abgezogen wurden. Das 38.
Flugkörpergeschwader wurde am 22. August 1990 offiziell aufgelöst. Was die
Anzahl der tatsächlich im Hunsrück stationierten Marschflugkörper anbelangt,
variieren die Angaben zwischen 62 und 64 Raketen.[288] 4.2 Entstehung und Struktur
der Friedensbewegung
Der NATO-Doppelbeschluss wurde zunächst von einem Großteil
der Bevölkerung nicht weiter beachtet und der Protest einiger weniger
Friedensaktivisten ignoriert oder abgelehnt. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen
war die Bevölkerung des Hunsrücks die Anwesenheit von Militär seit
Jahrhunderten gewöhnt. Bereits die Römer hatten den Hunsrück während der Zeit
des Prinzipats (27 v. Chr. bis 284 n. Chr.) militärisch erschlossen. Die
Nationalsozialisten hatten die Hunsrückhöhenstraße 1938/39 als
militärisch-strategische Aufmarschstraße zur deutsch-französischen Grenze
gebaut und bei Hermeskeil das SS-Sonderlager Hinzert errichtet.[289]
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Alliierten Streitkräfte im
Hunsrück präsent. Zum anderen war der Hunsrück als eine ländliche und sehr
strukturschwache Region wirtschaftlich stark vom Militär abhängig: Die
Amerikaner waren ein bedeutender Arbeitgeber; auch der Mietwohnungsmarkt
profitierte von Vermietungen an Angehörige der amerikanischen Streitkräfte. In
manchen Ortschaften wie Kastellaun und Simmern entstanden ganze Wohnviertel für
die Mitarbeiter von US-Einrichtungen und ihre Angehörigen, an denen die
regionale Bauwirtschaft zu 90 Prozent beteiligt werden sollte.[290] Neben der historisch gewachsenen Gewöhnung an das Militär
herrschte innerhalb der mehrheitlich konservativen Bevölkerung des Hunsrücks
traditionell die Meinung vor, man könne nichts an den Entscheidungen der Mächtigen
ändern und müsse diese akzeptieren.[291] Die
Menschen der schwach besiedelten Region waren daran gewöhnt, vor vollendete
Tatschen gestellt zu werden und diese nicht zu hinterfragen. Dennoch bildete
sich im Hunsrück zu Beginn der 1980er Jahre eine äußerst breite und aktive
Friedensbewegung, die gegen die Stationierung der Marschflugkörper protestierte
und der es nach und nach gelang, die Mehrheit der Bevölkerung auf ihre Seite zu
bringen. Dies gelang vor allem dadurch, dass die Friedensaktivisten zunächst
Informationen über die geplante Stationierung, die der Bevölkerung vorenthalten
wurden, einholten und die einheimischen Bürger über das Geschehen vor ihrer
Haustüre aufklärten. Das anfängliche Misstrauen vieler Menschen konnte die
Friedensbewegung durch ihr gewaltfreies Auftreten, durch ihre Verankerung in
vielen Bevölkerungsschichten und nicht zuletzt durch die starke christliche
Prägung der Bewegung weitestgehend überwinden. Der Einfluss von außen blieb im Vergleich zum bundesweit
bekanntesten Stationierungsort Mutlangen, wo sich die Friedensbewegung trotz
prominenter Unterstützung nie in der örtlichen Bevölkerung etablieren konnte,[292]
gering – die Friedensbewegung entstand im Hunsrück im wesentlichen aus der
eigenen Bevölkerung heraus. Auf diese Weise entwickelte sich ein großer
Zusammenhalt unter den Aktivisten, bei denen die Gruppen- oder
Organisationszugehörigkeit zweitrangig war oder die oftmals keiner Organisation
angehörten. Zusammen mit der ohnehin großen Identifikation der Hunsrücker mit
ihrer Region führte dies zu einer Bewegung mit stark regionaler Prägung, die –
trotz ihrer Heterogenität – als die „Hunsrücker Friedensbewegung“ zu bezeichnen
ist. 4.3 Die wichtigsten Gruppen
und Vertreter der Friedensbewegung
Die Hunsrücker
Friedensbewegung hatte wie die Friedensbewegung auf Bundesebene eine heterogene
Struktur. Menschen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen politischen
Ansichten und unterschiedlicher Bildung fanden sich in der Friedensbewegung
zusammen.[293] Das gemeinsame Ziel,
über das sich alle einig waren, bestand in der Verhinderung der
Marschflugkörper-Stationierung. Bei der Frage nach der Motivation zur
Friedensarbeit lassen sich zwei Ansätze feststellen: Zu Beginn waren es vor
allem Personen, die bereits in Parteien, Gewerkschaften, Jugendverbänden oder
Umweltorganisationen organisiert waren, die sich in der Friedensbewegung
engagierten. Viele von ihnen lehnten die atomare Hochrüstung generell ab und
hätten sich sehr wahrscheinlich auch dann der Friedensbewegung angeschlossen,
wenn sie nicht im Stationierungsgebiet gewohnt hätten. Im Laufe der Zeit gelang
es ihnen, auch eigentlich unpolitische oder politisch konservative Menschen,
die das Prinzip der atomaren Abschreckung gut hießen oder sich daran zumindest
nicht störten, für die Friedensbewegung zu gewinnen. Diese Menschen handelten
aus persönlicher Betroffenheit, aus der Angst heraus, durch die Stationierung
der Marschflugkörper in ihrer Umgebung selbst zum Ziel eines sowjetischen
Atomangriffs zu werden. Eine gemeinsame Identität schuf die Sorge um die von
allen als Heimat empfundene Region des Hunsrücks. Die Friedensgruppen, die
zunächst in der Kreisstadt Simmern und dann in immer mehr Gemeinden entstanden,
organisierten sich in der „Friedensinitiative Rhein-Hunsrück“. Da die Zahl der
Personen und Friedensgruppen schnell anwuchs und aus einem immer größeren
Umkreis kam, benannte sich die Bewegung in „Friedensinitiative
Rhein-Hunsrück-Mosel“ und später in „Friedensinitiative
Rhein-Hunsrück-Mosel-Nahe“ (FI) um.[294] Ähnlich den Aktionskonferenzen der Friedensbewegung auf
Bundesebene veranstaltete die Hunsrücker Friedensbewegung Vollversammlungen, um
Entscheidungen über die grundsätzliche Ausrichtung ihrer Friedensarbeit und
über ihre kommenden Aktionen zu treffen. Die Vollversammlungen fanden in
unregelmäßigen Abständen mehrmals im Jahr statt; man kam abwechselnd in einer
der Hunsrücker Ortschaften in einer Gaststätte oder einem anderen öffentlichen
Gebäude zusammen. An den Vollversammlungen konnte jeder Interessierte
teilnehmen. Als regionales Gegenstück zum Koordinationsausschuss gab
es Delegiertentreffen. Diese wurden monatlich in wechselnden Ortschaften
abgehalten. Im Unterschied zum Koordinationsausschuss entsandten hier nicht
Organisationen und Gruppen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen oder
politischen Spektren, sondern die Friedensgruppen der verschiedenen Ortschaften
Delegierte zu den Treffen. Bei aktuellen Anlässen nahmen Friedensaktivisten von
außerhalb an den Delegiertentreffen teil, beispielsweise Vertreter des
rheinland-pfälzischen Ostermarschkreises zur Planung eines großen Ostermarschs
im Hunsrück.[295] Die Treffen der lokalen
Friedensgruppen waren ebenfalls für jedermann zugänglich, sodass die Hunsrücker
Friedensbewegung eine sehr offene Struktur hatte. Die Ergebnisse der Vollversammlungen
und der Delegiertentreffen wurden in den monatlich von der FI herausgegebenen
internen Informationsbroschüren, den sogenannten „Friedensinformationen“, an
die Aktiven der „Friedensinitiative Rhein-Hunsrück-Mosel-Nahe“ weitergegeben.
Bei konkreten Fragen, zu denen größerer Diskussionsbedarf bestand (wie
beispielsweise dem Ort und Ablauf des rheinland-pfälzischen Ostermarsches im
Hunsrück 1985) wurden zusätzlich Aktionskonferenzen durchgeführt.[296] Innerhalb der Hunsrücker Friedensbewegung spielte die
Gruppen- oder Organisationszugehörigkeit eine untergeordnete Rolle. Im
Vordergrund stand der persönliche Einsatz gegen die Stationierung der
Marschflugkörper; ideologische und politische Unterschiede wurden – wie die
befragten Zeitzeugen unabhängig voneinander übereinstimmend erklärten – diesem
Ziel untergeordnet.[297]
Dabei half der Umstand, dass sich die Friedensaktivisten zumeist schon vorher
persönlich kannten. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Joachim Mertes, der mit
der Friedensbewegung zusammen arbeitete, bestätigte: „Es ging um die
Zusammenarbeit mit Menschen, nicht mit Parteien. Wir haben die Maßstäbe des
Verfassungsschutzes nicht an unsere Nachbarn angelegt.“[298]
Viele der Protagonisten engagierten sich in mehreren Gruppen, weswegen eine
eindeutige Zuordnung nicht immer möglich ist. Dennoch wird im folgenden eine
Einteilung in verschiedene Gruppierungen vorgenommen, um die Protagonisten der
Hunsrücker Friedensbewegung mit ihren Beweggründen zur Friedensarbeit und ihrem
politischen und sozialen Hintergrund vorzustellen.
Blog: Frieden braucht Bewegung 4.3.1
Die Christen
Eine wichtige Rolle in der Hunsrücker Friedensbewegung
spielte das Engagement von Christen. Zum Zeichen ihres Protests gegen die
Marschflugkörper stellten christliche Friedensaktivisten Kreuze an der
NATO-Baustelle auf. Am Haupttor des Stationierungsgeländes errichteten sie ein
vier Meter hohes Holzkreuz, an dem seit Sommer 1983 jeden Sonntag ein
ökumenisches Friedensgebet stattfand.[299] Zum
Friedensgebet, das von den evangelischen Pfarrern Jutta und August Dahl aus
Bell sowie dem katholischen Pfarrer Vogt aus Kastellaun gehalten wurde,
versammelten sich zahlreiche Menschen aus dem Hunsrück, aber auch auswärtige
Gruppen wie die „Ordensleute für den Frieden“.[300] Das
Presbyterium der Kirchengemeinde Bell erklärte das Friedensgebet einstimmig zu
einem offiziellen Sonntagsgottesdienst.[301] Drei weitere Kreuze wurden an einer Ecke der Baustelle zur
Hunsrückhöhenstraße hin aufgestellt.[302]
Besonders auffällig waren die 96 Kreuze auf dem Beller „Friedensacker“. Die 96
Holzkreuze wurden an Ostern 1984 auf einem Acker der Landwirtin Lore Kneip
errichtet – ein Kreuz für jede Rakete, die hier stationiert werden sollte. Der
„Friedensacker“, der an die Hunsrückhöhenstraße und den Zaun der ehemaligen
„B-Battery“ angrenzte, sollte vorbeifahrende Menschen an die Marschflugkörper
erinnern.[303] Die Kreuze und der Kreis
betender Menschen vor der NATO-Baustelle wurden mehrfach im Fernsehen gezeigt
und prägten so das Bild der Hunsrücker Friedensbewegung in der Öffentlichkeit.[304] Das Zentrum des christlichen Protests im Hunsrück bildete
die evangelische Kirchengemeinde Bell, der August Dahl als Pfarrer vorstand.
August Dahl und seine Familie waren 1976 aus Essen, wo Dahl als
Gefängnis-Pfarrer tätig gewesen war, in den Hunsrück gekommen.[305]
August Dahls Frau Jutta war ebenfalls ordinierte Pfarrerin. Gemeinsam
engagierten sie sich in der Hunsrücker Friedensbewegung und nahmen darin eine
Vorreiterrolle ein. Neben dem wöchentlichen Friedensgebet veranstalteten die
Dahls im Gemeindehaus von Bell regelmäßige Treffen, bei denen Christen aus dem
Hunsrück über die Nachrüstung und mögliche Aktionen zur Verhinderung der
Stationierung der Marschflugkörper diskutierten.[306]
Außerdem nahm das Pfarrer-Ehepaar an den Ostermärschen und Demonstrationen der
Friedensbewegung im Hunsrück teil und trat bei den anschließenden Kundgebungen
als Redner auf.[307]
Nicht zuletzt durch das Engagement der Dahls wurde die 480-Seelen-Gemeinde Bell
zur „Hochburg des Widerstands“[308] im
Hunsrück. Die Dahls gehörten zu den Hunsrücker Friedensaktivisten,
die sich auch dann der Friedensbewegung angeschlossen hätten, wenn ihr Wohnsitz
nicht im Stationierungsgebiet gewesen wäre.[309]
Bereits in Essen waren sie sozial und politisch aktiv gewesen. Sie engagierten
sich in der Anti-Apartheid-Bewegung und setzten sich öffentlich gegen die
Einführung der Notstandsgesetze vom 30. Mai 1968 ein.[310]
August Dahl trat 1968 in die SPD ein, gab sein Parteibuch aber 1980 aus Protest
gegen den NATO-Doppelbeschluss wieder zurück.[311] Die
Motivation der Dahls zum Engagement in der Friedensbewegung lag im Gefühl der
Verantwortung für die Politik der eigenen Regierung begründet: „Uns war klar:
Wir sind hier nicht nur Zielgebiet (...), sondern wir sind gleichzeitig auch
Bedrohung für andere. (...) Wenn uns unsere Kinder später gefragt hätten, was habt
ihr dagegen getan, dann wären wir nicht in der Lage gewesen zu sagen, wir haben
nichts davon gewusst.“[312] Für die Akzeptanz der Friedensbewegung in der Hunsrücker
Bevölkerung waren die Dahls von entscheidender Bedeutung. Sie standen für den
friedlichen Protest gegen die Nachrüstung und konnten als Kirchenvertreter auch
Menschen für die Friedensbewegung gewinnen, die ansonsten nicht zu
Demonstrationen gegangen und gegen Entscheidungen der Regierung aktiv geworden
wären. „August Dahl“, berichtet der Hunsrücker Friedensaktivist Horst Petry,
„hat den Menschen die Angst davor genommen, sich politisch zu engagieren“.[313] Den
CDU-Landtagsabgeordneten Walter Mallmann aus Simmern zitierte der „Spiegel“
1986 wie folgt: „Ohne diesen Pfarrer gäbe es niemals solche Unruhe bei uns. Der
hat die Leute mobilisiert.“[314] Auch nach außen hin repräsentierte das Ehepaar Dahl die
Hunsrücker Friedensbewegung. Jutta Dahl trat bei einer Kundgebung der
Friedensbewegung im Oktober 1984 in Bonn als Rednerin auf. Dabei forderte sie
die Anwesenden dazu auf, in den Hunsrück zu kommen, um sich vor Ort selbst ein
Bild von der Situation zu machen.[315]
August Dahl sprach bei der Großdemonstration der Friedensbewegung in Hasselbach
1986, bei der mehr als 150.000 Menschen aus der gesamten Bundesrepublik in den
Hunsrück kamen, als Vertreter der FI.[316] August Dahl wurde mit der Zeit gleichsam zur Galionsfigur
der Hunsrücker Friedensbewegung. Dazu trug auch seine außergewöhnliche
Erscheinung bei, die vom „Spiegel“ folgendermaßen beschrieben wurde: „Ein
bemerkenswerter Gottesmann: mächtige Stimme, schulterlange graue Haare,
imposanter Rauschebart.“[317]
Unter dem Spitznamen „Raketen-August“, wie Dahl zunächst von seinen Gegnern
spöttisch genannt wurde, erlangte Dahl über den Hunsrück hinaus Bekanntheit.[318] Der
Hunsrücker Regisseur Edgar Reitz, der Sympathien für die Friedensbewegung
hegte, würdigte Dahls Engagement, indem er ihm 2002/03 eine Rolle in seinem
Film „Heimat 3“ übertrug. August Dahl spielte sich selbst als Pfarrer des
fiktiven Hunsrück-Dorfs „Schabbach“, dem Schauplatz der populären
„Heimat“-Filme.[319] Das Engagement in der Friedensbewegung blieb für das
Ehepaar Dahl nicht ohne Konsequenzen. 1984 wurden die Verträge der Dahls an der
Realschule Kastellaun und an der Integrierten Gesamtschule Kastellaun, wo beide
seit 1976 nebenamtlich als Religionslehrer tätig gewesen waren, nicht
verlängert. Offiziell wurde dieser Schritt mit notwendigen Stellenstreichungen
begründet. Zur selben Zeit wurde zudem August Dahls Vertrag an der
Krankenpflegerschule des Rhein-Hunsrück-Kreises in Simmern, an der er seit 1981
als Lehrer gearbeitet hatte, nicht verlängert.[320] Der
Personalrat der Krankenpflegerschule bedeutete ihm damals, so August Dahl im
Interview, dass die Bezirksregierung ihn nicht länger beschäftige, da er „den
Mund aufgemacht hatte“.[321] Für
die Teilnahme an einer Sitzblockade des Stationierungsgeländes wurde August
Dahl 1987 vom Amtsgericht Simmern wegen Nötigung zu einer Geldstrafe von 30
Tagessätzen à 70 DM verurteilt; wie die anderen Blockade-Teilnehmer wurde Dahl
zehn Jahre später aufgrund einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts
rückwirkend freigesprochen.[322] Allerdings wurden Jutta und August Dahl für ihr Engagement
in der Friedensbewegung auch offiziell geehrt: Jutta Dahl wurde für ihre
Friedensarbeit im Jahr 1988, gemeinsam mit dem Superintendenten Werner Sanß,
als erste Preisträgerin mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet.[323]
August Dahl erhielt am 26. Februar 2002 die Verdienstmedaille des Landes
Rheinland-Pfalz.[324]
Blog: Frieden braucht Bewegung 4.3.2
Die Politiker
In der Hunsrücker
Friedensbewegung waren viele Menschen vertreten, die sich bereits vorher
politisch engagiert hatten. Was die Parteizugehörigkeit anbelangt, waren es –
wie auf Bundesebene – vor allem Mitglieder von Parteien aus dem linken Spektrum
wie den Grünen, der DKP und teilweise der SPD, die in der FI aktiv waren. Der
Einfluss von politischen Parteien in der Hunsrücker Friedensbewegung sollte
allerdings nicht überbewertet werden, da linke Parteien in der traditionell
eher konservativen Hunsrück-Region nicht sehr stark repräsentiert waren. Die
Rhein-Hunsrück-Gruppe der DKP hatte beispielsweise in den 1980er Jahren zehn
aktive Mitglieder.[325] Die
einzigen Protagonisten der DKP in der Hunsrücker Friedensbewegung waren Horst
Petry, der Vorsitzende der Rhein-Hunsrück-Gruppe, und Wolfgang Bartels aus
Trier, der Mitglied im DKP-Bezirksvorstand Rheinland-Pfalz war. Generell spielte die Parteizugehörigkeit in der FI eine
untergeordnete Rolle; es waren zumeist keine hochrangigen Funktionsträger, die
sich in der Friedensbewegung betätigten. Politiker aus dem Hunsrück wie der
Landtagsabgeordnete Joachim Mertes (SPD), die überregional politische Ämter
bekleideten, solidarisierten sich zwar im Laufe der Zeit mit den Aktivisten,
waren aber kein aktiver Teil der Friedensbewegung (vgl. Kapitel 3.3.4 und
Kapitel 4.3.4). Es waren vor allem lokalpolitisch tätige Menschen, oft ohne
Parteizugehörigkeit, wie Gerhard Lorenz oder Jutta Dahl, die sich in ihrer
Funktion als gewählte Mitglieder des Gemeinderats von Bell verpflichtet
fühlten, gegen die Stationierung der Marschflugkörper in ihrer Region
vorzugehen. Gerhard Lorenz, Jahrgang
1930, saß seit 1975 als parteiloser Abgeordneter im Gemeinderat der
Großgemeinde Bell. Aufgewachsen war er in Schönborn, zwanzig Kilometer von Bell
entfernt. Der Diplom-Ingenieur für Brückenbau engagierte sich in der
Friedensbewegung, da er als Gemeinderatsmitglied auf das Wohl der Gemeinde und
des Staates vereidigt worden war und sich für seine Mitbürger, die ihn gewählt
hatten, verantwortlich fühlte. Er konnte die Stationierung der
Marschflugkörper, die er als Gefahr für den Hunsrück und seine Bewohner ansah,
nicht mit seinem Gewissen vereinbaren.[326]
Außerdem wollte Lorenz die Friedensarbeit „nicht nur jungen Leuten überlassen“.[327] Zu
Beginn war Lorenz mit seinen Ansichten zum NATO-Doppelbeschluss im Gemeinderat
von Bell in der Minderheit. Laut Aussage von Lorenz herrschte im Gemeinderat
die Meinung vor, dass „die verantwortlichen Politiker in Bonn es besser wissen
als wir“.[328] Daher stellte er aus
öffentlich zugänglichen Quelle wie der Bundeswehrzeitschrift „Wehrtechnik“ und
US-Literatur einen Dia-Vortrag zusammen, mit dem er seine Mitbürger über die
Funktionsweise und die Auswirkungen der Marschflugkörper informierte.[329] Seine Mitarbeit in der Friedensbewegung bescherte Lorenz
einige Konflikte mit Teilen der örtlichen Bevölkerung und der
Staatsanwaltschaft: Nach eigener Aussage wurde er zu Beginn seines Engagements
von Mitbürgern als „Kommunist“ tituliert, sein Arbeitsplatz wurde überprüft und
sein privater Telefonanschluss drei Jahre lang überwacht.[330] Der
Dia-Vortrag und andere Maßnahmen der FI zur Information der Bürger wie das
„Hunsrück-Forum“ konnten die Stimmung in der Bevölkerung und unter den lokalen
Politikern jedoch zugunsten der Friedensbewegung kippen. Dafür war neben der
Arbeit der Friedensbewegung vor allem die Geheimhaltungspolitik der
Bundesregierung verantwortlich: Wie die Bürgermeister von Bell und Hasselbach
erklärten, kamen die einzigen (und letztlich richtigen) Informationen über die
Stationierung der Marschflugkörper bis zum Erscheinen der Bürgerinformation
„Marschflugkörper im Hunsrück“, herausgegeben vom Verteidigungsministerium im
August 1986, von der Friedensbewegung.[331] Die
Gemeinderäte von Hasselbach und der Großgemeinde Bell lehnten die
NATO-Baumaßnahme auf ihrer Gemarkung schließlich im Rahmen einer öffentlichen
Anhörung im März 1984 einstimmig ab.[332]
Dies änderte zwar nichts am Baubeginn, verdeutlicht aber den Sinneswandel unter
den lokalen Politikern. Aufgrund seines Engagements gegen die Nachrüstung kann
Gerhard Lorenz als einer der führenden Köpfe der Hunsrücker Friedensbewegung
bezeichnet werden. So wurde er zusammen mit anderen Kommunalpolitikern im Jahr
1986 zweimal von Verteidigungsminister Manfred Wörner, der die Hunsrücker von
der Notwendigkeit der Marschflugkörper-Stationierung überzeugen wollte, auf die
Hardthöhe eingeladen.[333] Bei
der Großdemonstration in Hasselbach am 11. Oktober 1986 trat Lorenz in seiner
Funktion als 1. Beigeordneter des Gemeinderats und stellvertretender
Bürgermeister von Bell als Redner auf und legte die Gründe für die Ablehnung
des Bauvorhabens durch die Gemeindevertretungen dar.[334]
Lorenz beteiligte sich an Demonstrationen und Blockade-Aktionen der
Friedensbewegung vor der „Pydna“, wurde dafür aber nicht angeklagt. Sein Engagement
in der Friedensbewegung, das er aufgrund seiner politischen Verantwortung vor
Ort begonnen hatte, endete mit dem Beginn der Abrüstung.[335] Weitere exponierte
Vertreter der Hunsrücker Friedensbewegung aus dem politischen Spektrum kamen
von den Grünen und der DKP. Der Einfluss der beiden Parteien innerhalb der FI
war allerdings begrenzt. So konnte sich der Grünen-Kreisverband Rhein-Hunsrück
im Vorfeld der Großdemonstration von Hasselbach nicht mit seinem Antrag auf
Genehmigung von „Aktionen zivilen Ungehorsams“ durch die FI durchsetzen.[336] Die Mehrheit in der FI lehnte „Aktionen
zivilen Ungehorsams“ während der Demonstration ab, um eine „massenhafte
Beteiligung der Hunsrücker Bevölkerung“[337]
nicht zu gefährden. Die DKP war in der Hunsrücker Friedensbewegung vor allem
publizistisch und organisatorisch tätig. Wolfgang Bartels, Journalist aus
Trier, war nicht nur im Hunsrück aktiv, sondern saß im DKP-Bezirksvorstand von
Rheinland-Pfalz und gehörte dem Landessprecherkreis der „Friedensliste“ an.
Sowohl für die DKP, als auch für die „Friedensliste“ veröffentlichte er die
Informationsschrift „Rheinland-Pfalz: Waffenkammer der NATO. Bedrohungskarte
für jeden Kreis“ (vgl. Kapitel 3.3.3). Zusammen mit anderen Mitgliedern der
„Friedensliste“, Mitgliedern der Grünen und Mitarbeitern des
Forschungsinstituts für Friedenspolitik in Starnberg gab er im Oktober 1986 das
Buch „Militär-Heimat Hunsrück“ heraus.[338]
Innerhalb der Hunsrücker Friedensbewegung arbeitete Bartels wie Horst Petry im
„Hunsrück-Forum“ mit. Im Vorfeld der Großdemonstration von Hasselbach war der
Bad Kreuznacher DKP-Funktionär Jürgen Locher im Hunsrücker „Friedensbüro“
aktiv. Locher war als Mitglied des Koordinationsausschusses zur Vorbereitung
der Demonstration in den Hunsrück gekommen. Laut eines Berichts des
Bundesinnenministeriums oblag Locher die Verantwortung „für die
organisatorische Struktur der Veranstaltung“.[339] Die
Vorbereitungen vor Ort würden von der DKP kontrolliert, so der Bericht.[340]
Abgesehen von der Vorbereitung der Großdemonstration war der Einfluss der DKP
in der Hunsrücker Friedensbewegung eher gering. Die DKP-Funktionäre waren – wie
auch die Grünen – zahlenmäßig zu sehr in der Minderheit, als dass sie bei
Abstimmungen hätten dominieren können. Finanzielle Zuwendungen der DKP an die
FI gab es nach Angaben von DKP-Funktionär Horst Petry nicht;[341] die
Hunsrücker Friedensbewegung stand durch Spenden und Verkaufseinnahmen
finanziell gut da. Nachweise für eine Verbindung der DKP-Funktionäre Horst
Petry und Wolfgang Bartels zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR
fanden sich nicht. Nach Mitteilung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen
des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
existieren bei ihrer Behörde keine Unterlagen zu Petry und Bartels. Zu Bartels wurde
lediglich eine leere Akte ohne Schriftgut ermittelt.[342]
Blog: Frieden braucht Bewegung 4.3.3
Der Verein für friedenspolitische und demokratische Bildung
Rhein-Hunsrück-Mosel e.V.
Um die immer
unfangreicher werdende Friedensarbeit besser bewältigen und koordinieren zu
können, mietete die FI im Februar 1984 Büroräume in Kirchberg an. Als Träger
des sogenannten Friedensbüros wurde der „Verein für friedenspolitische und
demokratische Bildung Rhein-Hunsrück-Mosel e.V.“ gegründet. Spenden zur
Finanzierung des Friedensbüros gingen an den Verein.[343]
Zunächst führten mehrere Mitglieder das Büro ehrenamtlich. Bald konnte der als
gemeinnützig anerkannte Verein durch das rege Spendenaufkommen und durch
Einnahmen aus Aktionen wie den Ostermärschen eine Halbtagskraft einstellen.[344]
Heidrun Kisters (damals noch Heidrun Zimmer) erledigte fortan einen Großteil
der Pressearbeit und übernahm die Vernetzung der FI mit anderen Friedensgruppen
wie der AGF Trier und dem Ostermarschkreis Rheinland-Pfalz sowie mit dem
Koordinationsausschuss der Friedensbewegung. Die Adresse des Friedensbüros
wurde zur offiziellen Kontaktadresse der FI beim Bonner Koordinierungsbüro der
Friedensbewegung. 1986 wurde das Büro in Kirchberg zu klein, weshalb Reinhard
Sczech, damals bei IBM beschäftigt und daher kreditwürdig, ein kleines Haus in
Kastellaun kaufte, in dem das Friedensbüro seitdem untergebracht war. Vom
Friedensbüro aus wurden die „Friedensinformationen“ herausgegeben und an die
Aktiven der FI verschickt. Das Büro hatte regen Zulauf von anderen Gruppen der
Friedensbewegung und der Presse, sodass zwei weitere Halbtagskräfte eingestellt
werden mussten, um die anfallende Arbeit zu bewältigen. Das Friedensbüro wurde
zudem zum Treffpunkt der Hunsrücker Friedensbewegung, in dem sich Menschen zum
Diskutieren oder zum Planen von Aktionen trafen.[345] Der „Verein für friedenspolitische und demokratische
Bildung“ stellte keine Konkurrenz zur FI, sondern eine Institutionalisierung
des Hunsrücker Friedensengagements dar. Durch die Vereinsgründung genoss die
Hunsrücker Friedensbewegung aufgrund der Vereinigungsfreiheit
verfassungsrechtlichen Schutz.[346] Der
„Verein für friedenspolitische und demokratische Bildung“ trat als offizieller
Ansprechpartner für Behörden und die Polizei in Erscheinung. Die Akteure
innerhalb des Vereins und der FI waren weitgehend die selben, wobei nicht
jeder, der in der FI mitarbeitete, auch eine Mitgliedschaft im Verein erwarb.
Die Mitglieder des „Vereins für friedenspolitische und demokratische Bildung“
stellten gleichsam den harten Kern der Hunsrücker Friedensbewegung dar. Heidrun Kisters, Jahrgang 1959, war ab 1983 in der
Hunsrücker Friedensbewegung aktiv. In Kappel, acht Kilometer von Hasselbach
aufgewachsen, kehrte sie nach dem Studium der Internationalen Agrarwirtschaft
1982 in den Hunsrück zurück. Über den Friedensstammtisch in Kirchberg stieß sie
zur FI und arbeitete von 1984 bis 1989 im „Friedensbüro“. Als Angestellte des
„Friedensbüros“ war sie hauptsächlich für die Vernetzung mit anderen
Friedensgruppen und dem Koordinationsausschuss der Friedensbewegung zuständig.
Seit Mitte der 1990er Jahre ist Kisters die Vorsitzende des „Vereins für
friedenspolitische und demokratische Bildung“, der bis heute besteht.[347] Reinhard Sczech, geboren 1953, war in Kastellaun
aufgewachsen. Nach dem Studium der Elektrotechnik war er zunächst als Ingenieur
im Irak und in Russland beschäftigt. Ende 1982 zog er wieder in den Hunsrück.
Schon vor seinem Engagement in der Friedensbewegung war Sczech als Mitglied bei
amnesty international und in der SPD sozial und politisch aktiv. Nach seiner
Rückkehr in den Hunsrück schloss er sich dem Friedensstammtisch in Holzbach an
und war einer der Initiatoren des Kastellauner Friedensstammtisches.[348]
Innerhalb der Hunsrücker Friedensbewegung betätigte sich Reinhard Sczech vor
allem im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam mit anderen
Friedensaktivisten erstellte er einen Dia-Vortrag über die Nachrüstung im
Hunsrück, den sie in zahlreichen Städten und Dörfern der Bundesrepublik
präsentierten, um die Situation im Hunsrück publik zu machen.[349]
Auch fungierte Sczech als Ansprechpartner für überregionale Medien, die durch
die Arbeit der Friedensbewegung immer mehr auf den Hunsrück aufmerksam wurden.[350]
Seine Kontakte innerhalb der SPD nutzte Sczech, um an Informationen über den
Stand der Nachrüstung zu gelangen und um die Anliegen der Friedensbewegung über
den SPD-Landtagsabgeordneten Joachim Mertes in das rheinland-pfälzische
Parlament zu tragen. Eine Einordnung Reinhard Sczechs in das politische
Spektrum wäre allerdings nicht korrekt, da er sich politisch hauptsächlich
innerhalb der Friedensbewegung engagierte und seine SPD-Mitgliedschaft nach
eigener Aussage vor allem zur Informationsbeschaffung nutzte.[351] 4.3.4
Das „Hunsrück-Forum“
Die Idee zu einer
eigenen Zeitung der Hunsrücker Friedensbewegung stammte von Helmut Jordan, der
mit der Publikation eine „Gegenöffentlichkeit zum faktisch bestehenden
Pressemonopol des Koblenzer Mittelrheinverlages“[352]
herstellen wollte. Im Januar 1983 stellte Jordan sein Konzept, noch unter dem
Arbeitstitel „Friedens-Forum“, bei einem Treffen der FI in Simmern vor. Die
Zeitung sollte zum einen über den NATO-Doppelbeschluss und die geplante
Stationierung der atomaren Marschflugkörper im Hunsrück informieren. Zum
anderen sollte die Publikation ein Forum für antimilitaristische und pazifistische
Ideen und Gedanken bieten und „ein kleines Gegengewicht zum verbreiteten
militaristischen Denken der damaligen Zeit des Kalten Krieges schaffen“[353].
Die Mitglieder der Hunsrücker Friedensbewegung sahen sich zu diesem Zeitpunkt
von der Simmerner Lokalredaktion des Mittelrheinverlages, welche den Lokalteil
„Hunsrücker Zeitung“ herausgab, und der Koblenzer Redaktion der
„Rhein-Zeitung“, welche für die überregionale Berichterstattung verantwortlich
war, als linksradikal und verfassungsfeindlich dargestellt und kriminalisiert.
Tatsächlich wurde die Friedensbewegung in Artikeln wie „Raketengegner planen
Aufstand“ in die geistige Nähe des Kommunismus gerückt.[354]
Doch wechselte die Perspektive je nach Redakteur; die Berichterstattung war
nicht durchgehend gegen die Friedensbewegung gerichtet.[355] Die erste Ausgabe des
„Hunsrück-Forums/Zeitschrift für Demokratie und Frieden“ kam im April 1983 mit
einer Auflage von 1.000 Stück auf den Markt. Das „Hunsrück-Forum“ erschien in
der Folgezeit vierteljährlich mit einer Auflage von 1.500 bis 2.000 Exemplaren
und kostete zwischen 2,50 DM und 3,00 DM. Im Oktober 1995 wurde die 64. und
letzte Ausgabe herausgebracht.[356]
Vertrieben wurde das „Hunsrück-Forum“ über Abonnements und Verkaufsstellen bei
Einzelhandelsgeschäften, Friseuren und Büchereien. Auch außerhalb des Hunsrücks
konnte man die Zeitschrift kaufen, beispielsweise in der Mainzer
Anna-Seghers-Bücherei.[357] Die
Zahl der Abonnenten lag nach Angaben von Redaktionsmitglied Horst Petry zu
Beginn bei 300 und stieg 1986 aufgrund der gesteigerten öffentlichen
Wahrnehmung der Hunsrücker Friedensbewegung durch die Großdemonstration in
Hasselbach auf 700 an.[358] Die Besetzung der
Redaktion änderte sich im Laufe der Jahre mehrfach. Der harte Kern bestand aus
dem Sozialarbeiter Helmut Jordan, der auch als Verantwortlicher im Sinne des
Presserechts fungierte, dem (nicht mit ihm verwandten) Ehepaar Uschi und
Michael Jordan, dem Entwicklungshelfer Manfred Schmitz, dem freiberuflichen
Journalisten Wolfgang Bartels und dem Drucker Horst Petry. Abgesehen von Horst
Petry stammten die Redakteure der Zeitschrift nicht aus dem Hunsrück, sondern
waren Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre berufsbedingt in die Region
gezogen. Als Auslöser ihres Engagements in der Friedensbewegung bezeichneten sie
die große militärische Präsenz im Hunsrück, die sie als bedrohlich empfanden,
sowie den NATO-Doppelbeschluss. Bis auf Wolfgang Bartels waren die Redakteure
des „Hunsrück-Forums“ keine hauptberuflichen Journalisten, hatten aber bereits
in anderen Bewegungen wie der Studenten- oder der Gewerkschaftsbewegung
mitgearbeitet.[359] Zum
festen Redaktionsstamm hinzu kam eine Vielzahl freier Mitarbeiter wie Reinhard
Sczech, Heidrun Kisters, dem freiberuflichen Journalisten Uwe Anhäuser und
vielen anderen aus der Hunsrücker Friedensbewegung, die Beiträge im
„Hunsrück-Forum“ veröffentlichten.[360] Das „Hunsrück-Forum“
trug sich hauptsächlich durch den Verkaufserlös und durch Anzeigen. Hinzu kamen
Spenden von prominenten Unterstützern, wie der Schriftstellerin Gudrun Pausewang
oder dem Hunsrücker Regisseur Edgar Reitz.[361]
Zunächst wurde die Zeitschrift im Selbstverlag produziert und an verschiedenen
Stellen gedruckt; ab der zehnten Ausgabe übernahm das Redaktionsmitglied Horst
Petry den Druck zum Selbstkostenpreis.[362] Da
der Telefonanschluss des DKP-Funktionärs Petry ab dann die offizielle
Kontaktadresse des „Hunsrück-Forums“ darstellte, wurde die Redaktion im Vorfeld
der Großdemonstration in Hasselbach 1986 durch das Bundesinnenministerium
beobachtet. Die Beamten konnten allerdings keine Einflussnahme von Seiten der
DKP auf das „Hunsrück-Forum“ feststellen.[363] Die Berichterstattung des „Hunsrück-Forums“ konzentrierte
sich, besonders zu Beginn, auf das Thema Nachrüstung. Äußerst detailliert
schrieben die Friedensaktivisten über die Vorgänge rund um den Hunsrück als
Stationierungsort der Marschflugkörper und über die Aktionen und Anliegen der
Hunsrücker Friedensbewegung.[364]
Berichte über Militär in der Bundesrepublik und Atomwaffen im allgemeinen sowie
über Aktionen der bundesweiten Friedensbewegung fanden ebenfalls Eingang in das
„Hunsrück-Forum“.[365] Ab
1984 wurden auch Themen, die nicht direkt mit der Bewegung gegen die
Nachrüstung zu tun hatten, wie die Dritte Welt und Rechtsradikalismus,
behandelt.[366] Während über die
Nachrüstung im Hunsrück sehr gewissenhaft und faktentreu berichtet wurde,
brachten die Redakteure in Artikeln wie „Was ist eigentlich Anarchie?“[367]
ihre politischen Überzeugungen und persönlichen Ansichten zum Ausdruck, was
möglicherweise einen noch größeren Adressatenkreis für das „Hunsrück-Forum“
verhinderte. Ihre Ziele formulierten die Redakteure in der ersten
Ausgabe des „Hunsrück-Forums“ wie folgt: „Wir wollen mit dieser Zeitschrift
Informationen nachreichen und zusammenfassen, die wir hier in der Tagespresse
vermissen.“[368] Dazu nutzten sie Artikel
aus überregionalen Medien wie „Stern“ und „Spiegel“ sowie frei zugängliche
militärische Fachzeitschriften wie die Informationsschrift der 2.
Luftwaffendivision Birkenfeld/Nahe, um den Stationierungsort der
Marschflugkörper zu präzisieren.[369]
Dennoch leitete der Generalbundesanwalt im Juli 1983 ein Ermittlungsverfahren
wegen des „Verdachts des Offenbarens von Staatsgeheimnissen“ gegen den
presserechtlich verantwortlichen Redakteur Helmut Jordan ein.[370] Das
Verfahren wurde im Laufe des Jahres 1983 auf die gesamte Redaktion ausgeweitet,
aber schließlich am 26. März 1984 eingestellt.[371] Die
Aufmerksamkeit, die das Verfahren dem „Hunsrück-Forum“ bescherte, führte zu
einer Erhöhung der Auflage von 1.000 auf 1.500 Exemplare.[372] Erneut ins Visier der Staatsanwaltschaft geriet das
„Hunsrück-Forum“ im Jahr 1985. Auslöser war die achte Ausgabe der „Zeitschrift
für Demokratie und Frieden“ von April 1985, in der ein Bauplan der „Pydna“ aus
dem Staatsbauamt Koblenz abgedruckt war. Der Bauplan war – wie Mitarbeiter des
„Hunsrück-Forums“ übereinstimmend berichteten – der Redaktion von Unbekannten
in den Briefkasten geworfen worden.[373] Aus
dem Bauplan ging endgültig hervor, dass die ehemalige „B-Battery“ bei
Hasselbach zum Stationierungsort für die atomar bestückten Marschflugkörper
ausgebaut werden sollte.[374]
Außerdem enthielt die achte Ausgabe des „Hunsrück-Forums“ eine selbst erstellte
Karte der „Stationierungsorte Cruise Missiles und Patriot“, auf der weitere
Militäranlagen im Hunsrück wie die neu gebaute Stellung für Flugabwehrraketen
des Typs „Patriot“ bei Grenderich, zwanzig Kilometer von Hasselbach entfernt,
aufgezeigt wurden.[375] Die Koblenzer Staatsanwaltschaft nahm daraufhin im April
1985 die Ermittlungen auf und durchsuchte mit mehr als zwei Dutzend Polizisten
die Wohnungen und teilweise auch die Arbeitsplätze der Redakteure sowie die
Räume des Friedensbüros in Kirchberg. Außerdem wurde die Druckerei der DKP
Rheinland-Pfalz, wo die achte Ausgabe des „Hunsrück-Forums“ gedruckt worden
war, durchsucht, um an die Druckvorlage für den Lageplan zu kommen. Gegen
Helmut Jordan wurde als presserechtlich verantwortlichen Redakteur ein
Ermittlungsverfahren wegen „sicherheitsgefährdenden Abbildens“ und
„öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ eingeleitet.[376] Der
zweite Vorwurf bezog sich auf einen Aufruf der DFG-VK zu einer Kampagne gegen
die unterschiedliche Dauer von Wehr- und Zivildienst, in dem
Zivildienstleistende dazu aufgefordert wurden, nach dem durchschnittlichen
Grundwehrdienst von fünfzehn Monaten und drei Tagen „die Koffer zu packen“.[377]
Dieser Aufruf war ebenfalls in der achten Ausgabe des „Hunsrück-Forums“
erschienen.[378] Der Fall erregte bundesweit Aufsehen, da der Bauplan
bereits im Oktober 1984 in der Berliner „Tageszeitung“ veröffentlicht worden
war, ohne dass Ermittlungen erfolgten. Auch war der Aufruf zum „Koffer packen“
schon mehr als ein Jahr zuvor in dem DFG-VK-Informationsdienst
„Südwest-Kontakte“ erschienen und hatte keinerlei strafrechtliche Konsequenzen
für die Herausgeber zur Folge gehabt.[379]
Überregionale Zeitungen wie die „Frankfurter Rundschau“ und die „Tageszeitung“
berichteten ausführlich über die Durchsuchungen und die Ermittlungen der
Koblenzer Staatsanwaltschaft.[380] Der
„Spiegel“ brachte Ende April einen Artikel zu den Vorfällen und druckte im Zuge
dessen den Bauplan ab.[381]
Daraufhin wurde auch gegen den „Spiegel“ ermittelt, das Verfahren jedoch im
August 1985 eingestellt.[382] In der Folge kam es, auch von außerhalb der
Friedensbewegung, zu einer Solidarisierung mit dem „Hunsrück-Forum“. Die FI
wehrte sich durch symbolische und mit den Betroffenen abgesprochene Anzeigen
gegen Ärzte und Rechtsanwälte, die den „Spiegel“ mit dem Abdruck des Bauplans
in ihren Wartezimmern ausliegen hatten.[383]
Reinhard Sczech kündigte dem zuständigen Oberstaatsanwalt Wippermann an, dass
er öffentlich Kopien des Bauplans aus dem „Spiegel“ vor dem Amtsgericht in
Simmern verteilen werde. Vor den laufenden Kameras der ARD-Sendung „Monitor“
konfiszierten Polizeibeamte am 1. Juli 1985 die Kopien, nicht aber Sczechs
Ausgabe des „Spiegel“.[384]
Gegen Sczech wurde ein Ermittlungsverfahren wegen „sicherheitsgefährdenden Abbildens“
eingeleitet, welches jedoch am 9. August eingestellt wurde.[385]
Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Joachim Mertes verteilte Kopien des Bauplans
in seinem Bürgerbüro, in einer Sitzung im Simmerner Kreistag und an die
SPD-Fraktion im Mainzer Landtag.[386] Die
Grünen druckten den Bauplan im „Grünen Rheinland-Pfälzer“ ab;[387]
Aktion Sühnezeichen veröffentlichte die Zeichnung in seiner Zeitschrift „Pax
An“.[388]
Erneut führte die Berichterstattung über die Ermittlungen gegen das
„Hunsrück-Forum“, besonders in überregionalen Medien, zu einem steigenden
Absatz der Zeitschrift .[389]
Zahlreiche Briefe aus der gesamten Bundesrepublik erreichten die Hunsrücker
Friedensbewegung, in denen Menschen ihre Solidarität mit dem „Hunsrück-Forum“
bekundeten.[390] Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Abtransport der
Marschflugkörper aus dem Hunsrück ging die Auflage des „Hunsrück-Forums“ zu
Beginn der 1990er Jahre auf 1.000 Exemplare zurück. Doch gelang es dem „Hunsrück-Forum“,
sich noch bis Mitte der 1990er Jahre zu erhalten und sich thematisch weiter zu
entwickeln. Dies war möglich, da die Redaktion bereits vorher neben dem
Schwerpunkt Nachrüstung andere Themenbereiche behandelt hatte. Die
Aufmerksamkeit der Redaktion galt nach dem INF-Vertrag den Bereichen Konversion
und Tiefflug-Lärm; die Themen waren weiterhin zumeist regionaler Natur.[391] Im
Oktober 1995, neun Jahre nachdem die Hunsrücker Friedensbewegung mit der
Großdemonstration von Hasselbach ihren Höhepunkt erlebt hatte, erschien die
letzte Ausgabe des „Hunsrück-Forums“.
Blog: Frieden braucht Bewegung 4.3.5
Von Gruppen unabhängiges Engagement aus der Hunsrücker Bevölkerung
Zwei Beispiele für
Engagement in der Hunsrücker Friedensbewegung, das unabhängig von Gruppen oder
Organisationen stattfand, sind Lore Kneip und Hilde Brück. Beide waren zur Zeit
der Friedensbewegung schon fast fünfzig Jahre alt und stammten aus dem
Hunsrück. Sie hatten ihr bisheriges Leben in dieser Region verbracht, ohne sich
an der Militärpräsenz zu stören: „Damals habe ich wirklich geglaubt, das muss
so sein, wir werden bedroht vom Osten und das ist für unsere Sicherheit.“[392]
Beide Frauen waren bisher eher unpolitisch gewesen; die bevorstehende
Stationierung der Marschflugkörper im Hunsrück war für sie der Anstoß zur Mitarbeit
in der Friedensbewegung.[393]
Zwar war ihr Engagement in der Hunsrücker Friedensbewegung deutlich höher als
das der Hunsrücker im allgemeinen, dennoch stehen Lore Kneip und Hilde Brück
stellvertretend für den Teil der Hunsrücker Bevölkerung, der durch die
regionalen Folgen des NATO-Doppelbeschlusses zum ersten Mal politisch aktiv
wurde und sich aus persönlicher Betroffenheit der Friedensbewegung anschloss.
Auch zeigt sich an ihrem Beispiel die Bedeutung der Frauen innerhalb der
Hunsrücker Friedensbewegung. Lore Kneip bewirtschaftete mit ihrer Familie einen
Aussiedlerhof in Bell. Die Presseberichte über die Stationierung der
Pershing-II-Raketen in Mutlangen hatten sie bereits „bedrückt“; ein Artikel im
„Spiegel“ über die Nachrüstung im Hunsrück gab für sie den Ausschlag, sich der
Friedensbewegung anzuschließen.[394]
Zunächst sammelte sie zusammen mit anderen Frauen aus Bell Unterschriften gegen
die Nachrüstung. In einem offenen Brief an den Bürgermeister und die
Gemeinderäte forderten die Frauen im Februar 1984 dazu auf, sich in der
anstehenden Gemeinderatssitzung mit der geplanten NATO-Baumaßnahme zu befassen.
Daraufhin fand am 22. März 1984 eine öffentliche Anhörung statt, bei der die
betroffenen Gemeinden den Bau ablehnten.[395] Auf der Ostermarschkundgebung 1984 in Kastellaun hielt
Lore Kneip zusammen mit Hilde Brück eine Rede vor den anwesenden 2.000
Teilnehmern.[396] Darin brachte sie ihre
Angst vor den Folgen der Marschflugkörper-Stationierung zum Ausdruck und
forderte ihre Mitbürger zum Protest auf: „Ich fühle mich hier in meiner Heimat
nicht mehr wohl. (...) Wo Raketen stationiert werden, besteht die Gefahr, dass
Raketen zurückkommen. (...) Viele sagen, man kann nichts dagegen tun. Aber wenn
jeder aus seiner Anonymität heraustreten und sagen würde, ich finde das
schlecht, was hier geschieht und ich bin dagegen, dann würde es anders
aussehen.“[397] Ab 1984 stellte Lore Kneip der FI einen ihrer Äcker als
„Friedensacker“ auf unbestimmte Zeit zur Verfügung.[398]
Zunächst wurde das Engagement der Landwirtin von der Mehrheit der
Dorfbevölkerung noch mit Misstrauen gesehen und sie gefragt, was sie „denn da
oben gepflanzt“ habe. Doch als die Holzkreuze mehrere Male von Unbekannten
umgerissen worden waren, solidarisierten sich viele Skeptiker mit der
Friedensbewegung und halfen beim Aufrichten der Kreuze.[399] Hilde Brück aus dem Dorf
Gödenroth in der Verbandsgemeinde Kastellaun brachte ihren Protest gegen die
Stationierung der Marschflugkörper dadurch zum Ausdruck, dass sie als
Schreinerin keine Aufträge annahm, die mit dem Bau der „Pydna“ zu tun hatten.
Trotz der wirtschaftlichen Einbußen, die sie dadurch in Kauf nahm, lehnte sie
mehrfach Aufträge an der NATO-Baustelle ab und forderte auf der
Ostermarschkundgebung 1984 andere Handwerker und Unternehmer zu gleichem
Handeln auf: „Überlegt Euch, was Ihr da bauen müsst. Eure Arbeiten werden es
erst möglich machen, diese Zerstörungskraft in Bewegung zu bringen. Wenn Ihr
keine Aufträge annehmt, habt Ihr bei Euch schon was verändert.“[400] Hilde Brück hatte im Gegensatz zur Mehrheit der Hunsrücker
Bevölkerung von Beginn an keine Berührungsängste mit den Friedensaktivisten,
die von außerhalb in den Hunsrück kamen. Sie beteiligte sich am ersten
„Frauenwiderstandscamp“, das im Sommer 1983 in der Ortsgemeinde Reckershausen
bei Kirchberg stattfand. Dies wurde von ihren Mitbürgern eher skeptisch
gesehen; das Widerstandscamp, an dem mehrheitlich Frauen aus dem städtischen
Bereich, viele von ihnen aus der alternativen Szene oder homosexuell,
teilnahmen, war der ländlichen Hunsrücker Bevölkerung suspekt. Als das zweite
Camp im Sommer 1984 von der Polizei geräumt wurde, stellte Hilde Brück den
Frauen ihre Wiese zur Verfügung.[401] Für
ihre Beteiligung an einer Blockade-Aktion an der „Pydna“ wurde Hilde Brück 1987
wegen Nötigung vom Amtsgericht Simmern zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à
15 DM verurteilt, aber genau wie die anderen Blockade-Teilnehmer zehn Jahre
später nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts rückwirkend
freigesprochen.[402] 4.3.6
Auswärtige Friedensaktivisten im Hunsrück
Im Hunsrück entstand die Friedensbewegung zwar aus der
einheimischen Bevölkerung heraus, dennoch gab es Friedensaktivisten, die eigens
zum Protest gegen die Stationierung der Marschflugkörper bzw. zur Mitarbeit in
der Hunsrücker Friedensbewegung in die Region kamen. Die ersten auswärtigen
Aktivisten waren die Teilnehmerinnen der „Frauenwiderstandscamps“, die ab
Sommer 1983 jeweils in der Nähe von Kirchberg stattfanden. Im
„Frauenwiderstandscamp“ versammelten sich Feministinnen aus dem gesamten
Bundesgebiet, um vor Ort gegen die Nachrüstung zu demonstrieren. Die
Teilnehmerinnen des Camps übten eine fundamentalere Gesellschaftskritik als die
Hunsrücker Friedensbewegung und waren auch in ihren Mitteln radikaler als die
Hunsrücker Aktivisten zu dieser Zeit.[403] So
besetzten zwanzig Frauen des zweiten „Frauenwiderstandscamps“ im August 1984
für mehrere Stunden einen Baukran auf der „Pydna“. Die Polizei räumte den Kran
daraufhin gewaltsam; das Camp wurde mit Frontladern niedergerissen.[404]
Aufgrund solcher Aktionen kam es durchaus zu Kontroversen mit der einheimischen
Bevölkerung, die mit den Feministinnen, die vorwiegend aus dem städtischen
Bereich stammten, und ihren Protestformen wenig anzufangen wusste. Dies lag zum
einen an der Hunsrücker Bevölkerung, die gewisse Ressentiments gegen die Frauen
des Widerstandscamps und deren Lebensstil hatte. Zum anderen lag es an den
Frauen selbst, die sich in der Mehrzahl nicht bemühten, den Einheimischen ihr
Anliegen und ihre Aktionsformen zu vermitteln.[405] Besser integriert in die Hunsrücker Gesellschaft waren die
christlichen Friedensaktivisten, die von außerhalb in den Hunsrück kamen. In
den Jahren 1985 bis 1988 fanden sich an Pfingsten die „Ordensleute für den
Frieden“ in einem Camp am Stationierungsort zu mehrtägigen Gebeten zusammen.[406] Clemens
Ronnefeldt, Vorsitzender von Pax Christi im Bistum Mainz, zog 1986 mit seiner
Frau in den Hunsrück, um die Friedensbewegung zu unterstützen. Eine
Pax-Christi-Basisgruppe für den Hunsrück wurde gegründet, die sich am
ökumenischen Friedensgebet vor der „Pydna“ beteiligte. Mitglieder von Pax
Christi, unter anderem auch Clemens Ronnefeldt, nahmen im November 1986 sowie
im Mai und Oktober 1987 an den Blockade-Aktionen vor der Raketenstation teil.[407] Die
amerikanische christliche Friedensorganisation „Church and Peace“ entsandte
einen Friedensarbeiter, der Gesprächskontakte zum amerikanischen Militär
knüpfte und der Hunsrücker Friedensbewegung Begegnungen mit ranghohen Militärs
ermöglichte.[408] Die Präsenz auswärtiger
Friedensaktivisten im Hunsrück kann auf die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit
der FI ab 1983 durch das „Hunsrück-Forum“ und das Friedensbüro zurückgeführt
werden. Ein hilfreicher Umstand mag auch die Ausstrahlung des ersten Teils von
Edgar Reitz’ Fernseh-Trilogie „Heimat“ im Jahr 1984 in der ARD gewesen sein.
Viele Zuschauer wurden durch die populäre Serie über das Leben einer Hunsrücker
Bauernfamilie in dem fiktiven Dorf „Schabbach“ auf den Hunsrück aufmerksam. Das
Dorf Woppenroth, in dem „Heimat“ gedreht wurde, wurde zum Anziehungspunkt für
Touristen, was die FI mit dem Aufstellen von Informationsständen über die
Nachrüstung für sich zu nutzen versuchte.[409]
Auch bot die bundesweite Aufmerksamkeit den Hunsrücker Friedensaktivisten eine
gute Gelegenheit, um mit ihrem Dia-Vortrag über die Stationierung der Marschflugkörper
im Hunsrück durch die Bundesrepublik zu reisen.[410]
Blog: Frieden braucht Bewegung 4.4 Die Entwicklung der
Friedensbewegung
Die Entwicklung der
Hunsrücker Friedensbewegung lässt sich wie die der bundesweiten
Friedensbewegung in vier Entwicklungsstufen bzw. Phasen einteilen. Die Phasen
sind auch für die Hunsrücker Friedensbewegung, wie es Janning für die
bundesweite Friedensbewegung formuliert, „nicht trennscharf zu bestimmen; sie
überlappen einander“.[411] Im
Gegensatz zur bundesweiten Friedensbewegung, die durch das Phasenmodell von
Janning nur bis zum „heißen Herbst“ 1983 vor der Abstimmung über den
NATO-Doppelbeschluss im Bundestag erfasst wird,[412] ist
es möglich, die Entwicklung der Hunsrücker Friedensbewegung bis zu ihrem
Abklingen nach dem INF-Vertrag im Dezember 1987 anhand des Phasenmodells zu
beschreiben. Dies hat mehrere Gründe: Erstens verlief die Entwicklung
der Hunsrücker Friedensbewegung im Vergleich zur bundesweiten Friedensbewegung
langsamer und daher zeitlich versetzt ab. Großen Zulauf erhielt sie erst Ende
1982 durch einen Artikel im Wochenmagazin „Stern“, in dem der Hunsrück erstmals
öffentlich als Stationierungsort der Marschflugkörper genannt wurde.[413]
Ihren Höhepunkt erreichte die Hunsrücker Friedensbewegung dann im Oktober 1986
mit der Großdemonstration von Hasselbach – zu einem Zeitpunkt, als die
Friedensbewegung in der Bundesrepublik von Wissenschaftlern, Politikern und
Journalisten sowie von nicht wenigen Aktivisten selbst schon mehrfach für
beendet erklärt worden war.[414]
Zweitens schien das positive Votum des Bundestags zur Nachrüstung am 22.
November 1983 die Hunsrücker Friedensbewegung nicht in ihrem Engagement zu
schwächen. Im Gegenteil: Erst 1984 wurden der „Verein für friedenspolitische
und demokratische Bildung“ und das „Friedensbüro“ gegründet; die Ostermärsche
im Hunsrück verzeichneten bis einschließlich 1986 steigende Teilnehmerzahlen.[415]
Drittens verband die Hunsrücker Friedensbewegung mehr als ein „Minimalkonsens“.
Die Bewegung funktionierte über persönliche Kontakte und die gemeinsame
Identität als „Hunsrücker“, auf die sich die Aktivisten immer wieder beriefen. 4.4.1
Diskussionsphase
Die Diskussionsphase
begann im Jahr 1979 mit der Gründung einer DFG-VK-Gruppe in der Kreisstadt
Simmern. Die Kriegsdienstverweigerer führten eine öffentliche Aktion zum Umtausch
von Kriegsspielzeug durch und protestierten gegen eine Bundeswehrausstellung in
Simmern.[416] An Ostern 1981
veranstaltete die DFG-VK eine „Osterfriedensfahrt“ mit dem Fahrrad zum
US-Flugplatz Hahn, an der etwa 100 Menschen teilnahmen.[417] Friedensarbeit auf dem Hunsrück als
Teil der Friedensbewegung begann im November 1981, als die DFG-VK zur Teilnahme
an der bundesweiten Friedenswoche aufrief. Aus verschiedenen politischen
Jugendverbänden, Parteien, Umweltschutzorganisationen, gewerkschaftlichen Arbeitskreisen,
Kirchengemeinden und Einzelpersonen bildete sich die „Initiative Friedenswoche
Rhein-Hunsrück“, welche die erste Hunsrücker Friedenswoche mit fast 50
Veranstaltungen in Gaststätten und Gemeindehäusern der Dörfer durchführte. Die
Koordinationstreffen, die im Vorfeld der Friedenswoche in Simmern stattfanden,
wurden auch danach beibehalten; es nahmen regelmäßig mehr als vierzig Personen
teil.[418]
1982 veranstaltete die „Initiative Friedenswoche Rhein-Hunsrück“ den ersten
„Osterfriedensmarsch“. Rund 400 Teilnehmer marschierten unter dem Motto „Wir überlassen die Friedensarbeit nicht Königen, Ministern, Generälen,
Schauspielern u.a.“ zum Flughafen Hahn, wo ein Friedensgottesdienst stattfand.
Die Forderungen lauteten: „Keine Stationierung von Atomwaffen auf dem Flughafen
Hahn und Umleitung der Stationierungskosten in nichtmilitärische Bereiche.“[419] Obwohl die Teilnehmerzahl 1982 im Vergleich zum
Vorjahr stark angestiegen war, hatte die Friedensbewegung zu diesem Zeitpunkt
noch keinen großen Rückhalt in der Hunsrücker Bevölkerung. Dies belegt eine
Begebenheit am Rande des Ostermarschs: Ein Vertreter der Gemeinde Hahn sollte
bei der Abschlusskundgebung als Redner auftreten. Er lehnte dies jedoch mit der
Begründung ab, dass sein Sohn im öffentlichen Dienst beschäftigt sei und er
„ihm keine Schwierigkeiten am Arbeitsplatz bereiten“ wolle.[420] Größeren
Zulauf erhielt die Hunsrücker Friedensbewegung durch einen Artikel im
Wochenmagazin „Stern“ vom 2. Dezember 1982. Unter der Überschrift „Nachrüstung
Bauplatz Hunsrück“ wurde erstmals die Ortsgemeinde Wüschheim als
Stationierungsort der Marschflugkörper in der Bundesrepublik genannt.[421] Etwa 120
Menschen fanden sich daraufhin zu einer spontanen Demonstration gegen die
Stationierung in Wüschheim zusammen.[422] Die
„Initiative Friedenswoche Rhein-Hunsrück“ wurde in „Friedensinitiative
Rhein-Hunsrück“ (FI) umbenannt; die Zusammensetzung innerhalb der Initiative
verschob sich, so dass Bürger, die nicht in Gruppen oder Organisationen tätig
waren, nun die Mehrheit bildeten.[423]
Die regelmäßigen Treffen der FI im „Schínderhannesturm“ in Simmern waren bald
so stark frequentiert, dass sich die Hunsrücker Friedensbewegung zu Beginn des
Jahres 1983 dezentralisierte. Örtliche Friedensgruppen wurden ins Leben
gerufen, die sich wöchentlich zu einem „Friedensstammtisch“ in den Gaststätten
der Dörfer trafen. Erste „Friedensstammtische“ entstanden in Holzbach und
Kastellaun; es folgten Stammtische in Simmern, Kirchberg, Rheinböllen und
anderen Ortsgemeinden.[424] 4.4.2
Appellationsphase
Ein genaues Datum für den Übergang zwischen Diskussions-
und Appellationsphase lässt sich nicht bestimmen, da die Hunsrücker
Friedensbewegung keinen gemeinsamen Aufruf, wie ihn etwa der „Krefelder Appell“
auf Bundesebene darstellte, verfasste. Zudem blieb die Hunsrücker Friedensbewegung
in ihrer Struktur nicht stehen, sondern entwickelte und vergrößerte sich bis
spätestens zur Großdemonstration im Oktober 1986 fortlaufend; die zweimalige
Umbenennung in „Friedensinitiative Rhein-Hunsrück-Mosel“ bzw. in
„Friedensinitiative Rhein-Hunsrück-Mosel-Nahe“ ist Beleg dafür.[425] Zum
ersten aktiven Protest der Hunsrücker Friedensbewegung kam es im Januar 1983.
Unter der Code-Bezeichnung „Compass Point“ führte die amerikanische Armee ein
umfangreiches Manöver im Hunsrück durch. Spontan behinderten 50 Hunsrücker
Friedensaktivisten für mehrere Stunden das Abladen von US-Panzern am Bahnhof
von Simmern. Dabei gab es einen tragischen Zwischenfall: Während des Manövers
wurden zwei Frauen von Panzern überrollt und getötet. Bei der Feier zum
Abschluss des Manövers kam es zudem zur ersten Auseinandersetzung zwischen
Vertretern der Friedensbewegung und andersdenkenden Hunsrückern. Nach
Darstellung des Friedensaktivisten Helmut Jordan wurden Angehörigen der FI, die
sich zum Protest unter die US-Militärkapelle gemischt hatten, ihre Transparente
von Zuschauern aus der Hand gerissen und in den vorbeifließenden Bach geworfen.[426] Im
Laufe des Jahres verbreiterte sich das Engagement der Friedensbewegung; die
Aktionsformen wurden vielfältiger. Mit der Hunsrücker Verbandsgemeinde
Herrstein erklärte sich zu Beginn des Jahres 1983 die erste Gemeinde in
Rheinland-Pfalz zur „atomwaffenfreien Zone“.[427]
Daraufhin gründete sich eine Initiative „Hunsrück – Atomwaffenfreie Zone“.
Diese sammelte innerhalb weniger Wochen mehr als 1.500 Unterschriften.[428]
Beim Ostermarsch 1983 trat mit Alfred Mechtersheimer erstmals ein auswärtiger
Friedensaktivist im Hunsrück als Redner auf. Der Friedensforscher und
Oberstleutnant a.D. forderte die 500 Teilnehmer während der Abschlusskundgebung
auf dem Marktplatz von Bell zum gewaltfreien Widerstand gegen die geplante
Stationierung der Mittelstreckenraketen auf.[429] Der
nächste Schritt in der Appellationsphase der Hunsrücker Friedensbewegung
bestand im Erscheinen des „Hunsrück-Forums“ im April 1983. Die Friedensaktivisten
traten mit einer eigenen Publikation an die Öffentlichkeit, um Informationen
über die Nachrüstung in ihrer Region zusammenzufassen und den Hunsrücker
Bürgern zugänglich zu machen.[430]
Im Frühjahr 1983 wurde aus amerikanischen Quellen Wüschheim als
Stationierungsort bekannt: In einem Ausschussprotokoll des amerikanischen
Repräsentantenhauses von März und April, in dem Anhörungen über den Bau
militärischer Einrichtungen im Haushaltsjahr 1984 festgehalten waren, war aus
Versehen der Name „Wüschheim“ als Standort nicht gelöscht worden.[431]
Dadurch wurde die Stationierung der Marschflugkörper im Hunsrück amtlich. Das
„Hunsrück-Forum“, das aufgrund des „Stern“-Artikels nachrecherchiert hatte,
veröffentlichte dies in seiner Ausgabe von September/Oktober 1983.[432]
Weitere
Aktionen zum Protest gegen die Stationierung der Marschflugkörper bildeten das
erste „Frauenwiderstandscamp“, das von Juli bis August in Reckershausen
stattfand, sowie das Friedensgebet, das ab August 1983 jeden Sonntag vor dem
Haupttor des Stationierungsgeländes gehalten wurde.[433]
Durch das verstärkte öffentliche Auftreten der Friedensbewegung wurden
staatliche Organe auf die Aktivisten aufmerksam. Polizisten in Zivil erschienen
zu den „Friedensstammtischen“,[434]
und der Generalbundesanwalt leitete im Juli 1983 das erste Ermittlungsverfahren
wegen des „Verdachts des Offenbarens von Staatsgeheimnissen“ gegen die
Redaktion des „Hunsrück-Forums“ ein.[435] Das
Hauptanliegen der Friedensbewegung während der Appellationsphase bestand darin,
die Hunsrücker Bevölkerung über die geplante Stationierung der Marschflugkörper
in Hasselbach zu informieren. Ein wichtiger Schritt war dabei, neben der
Gründung des „Hunsrück-Forums“, die Einrichtung des „Friedensbüros“ in
Kirchberg im Februar 1984.[436]
Die Informationspolitik der Friedensbewegung zeigte Wirkung: In einer
öffentlichen Anhörung der betroffenen Gemeinden am 22. März 1984 lehnten die
Gemeinderäte das NATO-Bauvorhaben in ihrer Gemarkung einstimmig ab. Der
Anhörung war eine Bürgerbefragung vorausgegangen, in der sich 65 Prozent der
Wahlberechtigten der Großgemeinde Bell gegen die Baumaßnahme ausgesprochen
hatten. Das Votum der Gemeinden wurde durch die zuständigen Behörden an das
Verteidigungsministerium weitergeleitet. Das Ministerium lehnte die Einwände
der Gemeinden am 13. April 1984 offiziell ab und bestätigte das Bauvorhaben,
welches am 30. Januar begonnen hatte.[437] Wie
der Bürgermeister von Hasselbach, Hartmut Pomrehn, in einem Fernseh-Interview
bestätigte, erfolgte die Abstimmung gegen die Baumaßnahme aufgrund von
Informationen der Friedensbewegung. Diese habe als einzige konkrete und
verlässliche Fakten zu dem Bauvorhaben liefern können, während von der
zuständigen Verwaltung keine Informationen zu bekommen gewesen seien. Damit
habe die Friedensbewegung auch die anfängliche Skepsis in der Bevölkerung und
bei Pomrehn selbst beseitigen können.[438]
Die Ablehnung des Bauvorhabens durch die betroffenen Gemeinden bildete den
Endpunkt der Appellationsphase. 4.4.3
Demonstrationsphase
Nachdem sie das
Bauvorhaben auf dem kommunalverfassungsrechtlichen Weg nicht hatten verhindern
können, setzten die Friedensaktivisten verstärkt auf öffentlichkeitswirksame
Aktionen und versuchten, ihr Anliegen überregional publik zu machen. Der
Hunsrücker Ostermarsch wurde im Jahr 1984 zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit
dem „Ostermarschkreis Rheinland-Pfalz“ veranstaltet und damit Teil der
rheinland-pfälzischen Friedensaktivitäten. Rund 2.000 Menschen marschierten am
22. April von Bell aus am Stationierungsgelände vorbei nach Kastellaun. Auf der
Abschlusskundgebung traten neben einem Vertreter der amerikanischen
„Freeze“-Bewegung[439] und
der rheinland-pfälzischen DGB-Funktionärin Lilo Rademacher auch Lore Kneip und
Hilde Brück als Vertreterinnen der FI auf.[440] Zum
Zeichen ihres Protests gegen die Stationierung der Marschflugkörper legten
christliche Friedensaktivisten an Ostern den „Friedensacker“ mit 96 Holzkreuzen
an.[441] Die FI knüpfte nun
vermehrt Verbindungen zu Friedensgruppen außerhalb des Hunsrücks. Kontakte zu
den britischen und italienischen Stationierungsorten für atomar bestückte
Marschflugkörper wurden hergestellt; der ehemalige Bürgermeister von
Comiso/Sizilien besuchte den Hunsrück. Vertreter der FI, unter anderem Gerhard
Lorenz und Reinhard Sczech, bereisten mit Dia-Vorträgen, in denen
rüstungspolitische und ökologische Fragen im Zusammenhang mit der Stationierung
erläutert wurden, die Bundesrepublik.[442] Auf
der bundesweiten Großdemonstration im Oktober 1984 in Bonn trat mit Jutta Dahl
erstmals ein Mitglied der Hunsrücker Friedensbewegung als Rednerin auf.[443] Zudem wurden die Formen des Protests weiter ausgeweitet.
Friedensaktivisten veranstalteten Mahnwachen vor dem Stationierungsgelände und
in den größeren benachbarten Orten wie Kirchberg, Kastellaun und Simmern.
Vereinzelt wurden Aktionen durchgeführt, die über passiven Protest
hinausgingen. Dazu zählte die Besetzung eines Baukrans auf der NATO-Baustelle
durch Teilnehmerinnen des zweiten „Frauenwiderstandscamps“ im August 1984, was
die Auflösung des Camps durch die Polizei zur Folge hatte.[444]
Diese ersten „Aktionen zivilen Ungehorsams“ im Hunsrück wurden von einzelnen
Gruppen bzw. Personen und meist spontan durchgeführt; dies änderte sich während
der Aktionsphase, als breit angelegte und geplante Blockade-Aktionen am
Stationierungsgelände stattfanden. Während der
Demonstrationsphase zeigte sich, dass sich die Mehrheit innerhalb der
Hunsrücker Friedensbewegung stark auf die Verhinderung der
Marschflugkörper-Stationierung als Anliegen konzentrierte. Dadurch entwickelte
sich eine Einseitigkeit, die nach dem INF-Vertrag maßgeblich zur Auflösung der
Hunsrücker Friedensbewegung beitrug. So berichtete das „Hunsrück-Forum“ im
Oktober 1984 und im Januar 1985 ausführlich über den Bau zweier neuer
Militäranlagen im Hunsrück zur Stationierung von Flugabwehrraketen des Typs
„Patriot“.[445] Die Enthüllung dieser
Bauvorhaben erbrachte jedoch „nicht annähernd so viel konkrete
Widerstandskraft“[446] wie
zuvor die Nachricht vom Bau der „Pydna“ zur Stationierung der Marschflugkörper. Das Jahr 1985 war
geprägt von den Ermittlungen rund um das „Hunsrück-Forum“, die in Kapitel 4.3.4
ausführlich dargestellt worden sind. Wieder wurde der rheinland-pfälzische
Ostermarsch im Hunsrück am Stationierungsgelände durchgeführt; die
Teilnehmerzahl stieg auf 3.000 an. Auch im folgenden Jahr fand der
rheinland-pfälzische Ostermarsch mit erneut steigender Teilnehmerzahl im
Hunsrück statt: 4.000 Menschen aus ganz
Rheinland-Pfalz marschierten an Ostern 1986 an der „Pydna“ entlang.[447] Zur
gesteigerten Aufmerksamkeit beigetragen hatten wahrscheinlich erste längere
Berichte über die Hunsrücker Friedensbewegung in überregionalen Medien.[448] Im Februar 1986 wurde
auf der Aktionskonferenz der Friedensbewegung in Bonn-Beuel beschlossen, die
nächste bundesweite Großdemonstration am 11. Oktober 1986 im Hunsrück bei
Hasselbach und Bell durchzuführen.[449] Im
Zuge der Großdemonstration sollten „Aktionen zivilen Ungehorsams“ am
Stationierungsgebiet durchgeführt werden.[450] Im
Vorfeld der Großdemonstration wurde dieser Beschluss innerhalb des
Koordinationsausschusses der Friedensbewegung und innerhalb der FI, welche die
Demonstration gemeinsam vorbereiteten, erneut diskutiert. Während Teile des Koordinationsausschusses, unter anderem
die Bundeskonferenz unabhängiger Friedensgruppen (BUF), „Aktionen zivilen
Ungehorsams“ durchführen wollten, um ihr Anliegen stärker zum Ausdruck zu
bringen, standen die im Koordinationsausschuss vertretenen Parteien diesem Plan
ablehnend gegenüber, da sie im Bundestagswahlkampf nicht mit unfriedlichen
Aktionen in Verbindung gebracht werden wollten.[451]
Innerhalb der Hunsrücker Friedensbewegung sprach sich die Mehrheit der
Aktivisten gegen „Aktionen zivilen Ungehorsams“ in Verbindung mit der
Großdemonstration aus. Es gab Bedenken, dass durch Blockaden und den damit
verbundenen Polizeieinsatz das mittlerweile gute Verhältnis der FI zur übrigen
Bevölkerung gestört werden könnte. Die FI wollte eine Demobilisierung der
Hunsrücker Bevölkerung durch die Ankündigung von Blockaden vermeiden, da die
Menschen ähnliche Vorfälle wie in Wackersdorf, wo bei Protesten gegen den Bau
einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage im März 1986 zwei Menschen ums Leben
gekommen waren, befürchten und der Demonstration daher fernbleiben könnten.
Daher wurde beschlossen, „Aktionen zivilen Ungehorsams“ erst nach der Demonstration
durchzuführen.[452] Die Großdemonstration am
11. Oktober 1986 in Hasselbach bildete den Höhepunkt der Hunsrücker
Friedensbewegung und den Endpunkt der Demonstrationsphase. Mehr als 150.000
Demonstranten – nach Angaben der Veranstalter waren es sogar 180.000 bis
200.000 Teilnehmer – aus der ganzen Bundesrepublik fanden sich im Hunsrück ein
und marschierten vom Bahnhof in Kastellaun bzw. von Hasselbach aus am
Stationierungsgelände vorbei nach Bell. Es gelang der Friedensbewegung, auch
die Hunsrücker Bevölkerung zu mobilisieren; etwa 10.000 Hunsrücker nahmen nach
Schätzungen der FI an der bis dahin größten Demonstration in Rheinland-Pfalz
teil.[453] Auf der
Abschlusskundgebung traten neben August Dahl und Gerhard Lorenz als Vertreter
der Hunsrücker Friedensbewegung unter anderem auch die Mainzer
Theologieprofessorin Luise Schottroff, Horst Klaus vom DGB und der
Zukunftsforscher Robert Jungk sowie die Musiker Udo Lindenberg und Hannes Wader
auf.[454] Die Demonstration verlief friedlich, was vor allem auf die enge Zusammenarbeit zwischen der Polizei, die 5.000 Beamte im Einsatz hatte, und den Veranstaltern zurückzuführen war. Vertreter der FI, unter ihnen August Dahl, hatten im Vorfeld der Veranstaltung Polizeischulen in der Region besucht und den Polizisten ihr Anliegen und ihr Konzept für die Demonstration erläutert. |